Hans Peter Dreitzel
Emotionen in der Gestalttherapie
Ihre Bedeutung und Handhabung im therapeutischen Prozess



Gefühle spielen in der gestalttherapeutischen Praxis eine relativ große Rolle, weil gerade die Gestalttherapie mitentdeckt hat, dass der stimmige Ausdruck eines Gefühls selbst schon eine kathartische Wirkung haben kann. Dabei wird in der Gestalttherapie nicht zwischen Emotionen und Affekten unterschieden. Vielmehr geht es in dieser Sicht einerseits um die spontan im Kontaktprozess zwischen dem Individuum und seiner Umwelt auftretenden Gefühle und andererseits um emotionale Haltungen, die zu den neurotischen Anteilen des Charakters gehören
sowie um Übertragungsgefühle, d.h. unassimilierte Restbestände aus früheren Situationen, die den gegenwärtigen Kontaktprozess emotional mit einfärben.
Die eigentlichen Gefühle (Emotionen, Affekte) nennt die Gestalttherapie Kontaktgefühle. Sie lassen sich bestimmen als spontane Lagebeurteilungen des menschlichen Organismus zur jeweiligen Situation im Person/Umwelt-Feld. Das heißt, Gefühle enthalten ein kognitives Moment, eine Einschätzung der Situation, die zugleich informiert und motiviert.
Die Gefühle informieren also über das jeweilige Verhältnis von eigener Kraft und Kompetenz, eigenem Bedürfnis oder Interesse und der Widerständigkeit des begehrten Objekts in der Umwelt. Und sei motivieren entsprechend dieser Informationen zum Handeln. Dabei ist der informative Gehalt der Gefühle im Verhältnis zu den Möglichkeiten erfahrungsgeleiteter relativ gering, die motivierende Kraft hingegen stark und in vielen Kontaktprozessen unentbehrlich. Diese motivierende Kraft gründet wohl in der Tatsache, dass Gefühle nicht nur ein seelisches, sondern immer auch ein körperliches Geschehen sind: das psychische Erleben wird ausgelöst und begleitet durch körperliche Symptome wie Schweißabsonderung, Wärme- und Kälteempfindungen, Erröten oder Erbleichen, Veränderungen im Atemrhythmus und vor allem einem komplexen, noch wenig erforschten hormonalem Geschehen (J.-D.Vincent, 1990).

In der gestalttherapeutischen Literatur haben die Gefühle zunächst eine weit geringere Betonung erfahren als es ihrer großen Bedeutung in der gestalttherapeutischen Praxis entsprochen hätte. In seinem ersten Buch, „Das Ich, der Hunger und die Aggression" (F.Perls, 1989), das seine Wende von der Psychoanalyse zur Entwicklung der Gestalttherapie einleitet interessiert sich Perls vor allem für die „emotionalen Widerstände", wie er die Angst- und Schamgefühle nennt, denn es sind diese Gefühle, die den Menschen in der für die Erfüllung seiner
Bedürfnisse und die Befriedigung seiner Interessen notwenigen Hinwendung zur Umwelt hindern und hemmen.
Schon in dieser Arbeit definiert Perls Angst (als unterschieden von Furcht vor konkreter Bedrohung) schlicht operational als eine Unterbrechung des natürlichen Atemrhythmus bei der steigenden energetischen Erregung, wenn sich die Person der Umwelt zuwendet, um sich zu zeigen oder um sich zu versorgen. Ähnlich behindern die (neurotischen) Scham- und Peinlichkeitsgefühle den Betroffenen durch zu enge Ich-Grenzen an selbstbewussten, kompetenten Kontakten zu anderen Menschen. Diese hemmenden Gefühle sind die Verräter, die „Quislinge", wie er sie nennt, des Kontaktprozesses zwischen Mensch und Umwelt. Folglich muss ihnen in der Therapie besondere Aufmerksam gewidmet werden. Sie sind freilich so unangenehm, dass sie normalerweise durch mannigfache Verhaltensweisen abgewehrt werden. Es geht also zunächst darum, diese Abwehr zu bearbeiten, um die hemmenden Gefühle überhaupt erst einmal bloß zu legen. Hinter der nun gespürten Angst aber hat sich die für jeden Kontaktprozess notwendige energetische Erregung aufgestaut, und hinter den nun brennenden Scham- und Peinlichkeitsgefühlen versteckt sich die Lust am Sich-Zeigen und an der Entdeckung des Neuen. Perls vertraut hier therapeutisch bereits
völlig auf die sogenannte „Selbstregulierung des Organismus/Umwelt-Feldes", d.h. auf die spontane Selbsttätigkeit der psycho-physischen Einheit „Mensch" in seinem energetischen Austausch mit der Umwelt. So wird verständlich, dass für ihn die Angst- und Schamgefühle zum zentralen Angelpunkt der Therapie werden: „Die Bewusstmachung (dieser) unerwünschten Gefühle", schreibt er (Perls, 1969, S 194), „und die Fähigkeit, sie zu ertragen, sind die conditio sine qua non, für eine erfolgreiche Behandlung; diese Gefühle werden entladen, sobald sie Ich-
Funktionen geworden sind. Dieser Vorgang und nicht der Vorgang des Sich-Erinnerns ist die via regia zur Gesundheit".
In „Gestalt-Therapie", dem 1951 zuerst erschienen Hauptwerk dieser Therapierichtung (Perls, Hefferline, Goodman 1979), spielen die Gefühle bereits eine bedeutend größere Rolle, wenngleich eine theoretisch konsistente Behandlung auch hier noch fehlt. Im ersten Band, „Wiederbelebung des Selbst", der zahlreiche grundlegende Selbsterfahrungsübungen enthält, geht es immer wieder
um die psychische Notwendigkeit eines differenzierten emotionalen Erlebens. Unter dem Stichwort „emotionale Kontrolle" vertreten die Autoren bereits die Auffassung , dass das „übersozialisierte Individuum" (Dennis Wrong) in modernen Gesellschaften unter einer dermaßen starken Gefühlskontrolle leidet, dass es chronisch demotiviert lebt.
Im zweiten Band von „Gestalt-Therapie" – „Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung" – wird dann im Abschnitt „Gefühle" die Stellung der Emotionen im Gestaltbildungsprozess näher bestimmt: „ In der Abfolge der Gründe und Figuren übernehmen Gefühle die Motivationskraft der Triebe und Bedürfnisse; doch wird die Motivation, jetzt durch den Bezug auf ein Objekt konkretisiert, noch stärker." (S. 199) Zusätzlich erwähnen die Autoren in diesem Band noch eine
andere Art von Gefühlen, die sie „concerns" nennen, was in der deutschen Fassung mal als „Interesse" und mal als „Anteilnahme" übersetzt worden ist. Diese „concerns" sind diejenigen Gefühle, die in der Phase des „Kontaktvollzugs" auftreten, etwa Freude oder Trauer. Damit ist eine Theorie der Gefühle angedeutet, die auf dem Modell des Kontaktprozesses zwischen Individuum und Umwelt aufbaut, und die sowohl der unterschiedlichen Qualität des Erlebens verschiedener
Gefühle als auch ihrer unterschiedlichen Funktion in Interaktionsprozessen Rechnung trägt.

Diese Theorie ist allerdings erst von mir etwas differenzierter ausgearbeitet worden (Dreitzel 1992). Perls, Hefferline , Goodman unterscheiden zwischen „Vorkontakt", „Kontaktanbahnung", „Kontaktvollzug" (ich spreche von „Vollem Kontakt") und „Nachkontakt" als den vier Phasen des Kontaktprozesses. Im Vorkontakt wird der Mangel im Organismus als Trieb, Bedürfnis oder Interesse gespürt, woraus sich ein jeweilig spezifisches Wünschen und Wollen entwickelt. Im Kontaktieren der zweiten Phase geht es um die Entfaltung der senso-motorischen Fähigkeiten bei der Orientierung in der Umwelt und um die Umgestaltung des Person/Umwelt-Feldes unter Relevanzkriterien im Hinblick auf das motivierende Interesse. Im Vollen Kontakt der dritten Phase geht es um Hingabe an das erreichte Objekt, ein vorübergehendes Verschmelzen von Ich und Du im Loslassen aller absichtsvollen Ich-Funktionen. Der Nachkontakt schließlich erfüllt die Funktion des Nachwirkenlassens und der (gemeinsamen) Bewertung des Erlebten und Erfahrenen.
Innerhalb dieses idealtypischen Modells haben Kontaktgefühle ihre je spezifische Stelle und Funktion. Im Vorkontakt können Attraktions- und Aversionsgefühle auftreten: (erotische)
Anziehung bei vorhandenem Objekt, Sehnsucht bei abwesendem Objekt, Schreck und Furcht bei bedrohlichem Objekt, Ekel bei unzuträglichem Objekt.
In der zweiten Kontaktphase können aggressive Gefühle auftreten, zu denen auch sexuelle Erregung zählt, wenn es um die Umgestaltung eines oft widerständigen Feldes geht, um die Destrukturierung vorgefundener Gestalten und die Beseitigung von Hindernissen. Entsprechend kommt Gestaltungslust auf, beim leichtesten Widerstand aber auch sogleich Ärger, der sich steigern kann bis in die warme Wut der notwendigen Destrukturierung (die oft in Versöhnung endet) oder die kalte Wut der Beseitigung von unumgehbaren Hindernissen (die leicht in Gewalt umschlägt).
Ganz anders die weichen warmen Gefühle des Vollen Kontakts – Liebe und Trauer, Freude und Seligkeit, und auch das für die therapeutische Erfahrung nicht unwichtige Aha-Gefühl einer plötzlichen Klarheit und Einsicht. Auch sie kennen natürlich unterschiedliche Grade der Intensität, aber ihre Steigerung führt nicht zu verstärkter Motorik der Stimme und der Glieder, weil das Ziel schon erreicht ist. In diesen „concerns" erleben wir uns wie in einem zeitlosen Zustand, in dem
angekommen es keiner weiteren Motivation bedarf als allenfalls ein noch tieferes Sich- Hineinsversenken und Auskosten. Das gilt selbst noch für die Trauer, dem paradoxen Gefühl eines In-Vollem-Konakt-Seins mit der Absens, dem Verlust. Denn auch der Trauer haftet, solange sie als Kontaktgefühl erlebt wird, etwas eigentümlich Tiefes, Unauslotbares an, in dem zu versinken freilich nicht Wonne, sondern Verzweiflung bedeutet. Auch dieses Gefühl ist ein Zustandgefühl,
das den Betroffenen nicht auf etwas zu oder von etwas weg bewegen will, sondern ihn ganz festhält in einem zeitlosen Hier und Jetzt.
In den Nachkontaktgefühlen schließlich drückt sich emotional die Bewertung des gerade sich zu Ende neigenden Kontaktprozesses aus: positiv als eine gesunde, freudige Befriedigung über das Erreichte und Erlebte und als Dankbarkeit gegenüber jedwedem und allem, was uns bereichert hat, negativ als ein Gefühl von Ohnmacht und Niedergeschlagenheit, wenn unsere Kräfte und Kompetenzen nicht ausgereicht haben, um den Kontaktprozess zur gewünschten und gewollten
Befriedigung zu bringen, oder auch als echtes Schuldgefühl, wenn wir auf dem Wege zu Befriedigung unserer Interessen und Bedürfnisse die Umwelt und darin unsere Mitmenschen auf eine Weise verletzt haben, die in keinem Verhältnis zu unserem ursprünglichen Mangel steht. Gemeint sind hier wiederum weder persönliche Haltungen noch soziale Konventionen: Der Stolz eines noch unverbogenen Kindes über das selbst Gebaute oder Entdeckte ist ein spontanes
Gefühl, dass zum Zeigen und Mit-Teilen motiviert. Dankbarkeit als Gefühl ist eine Unendlichkeit entfernt von den (guten und nützlichen) Konventionen des Sich-Bedankens. „Gratefulness ist Heaven itself", wie William Blake sagte – ein tiefes Berührtsein, das dem Schmelzen im Vollen Kontakt ähnlich ist. Das spontane Ohnmachtsgefühl bei einer Niederlage oder einem Scheitern motiviert zu neuen, gegebenenfalls anderen Versuchen und ist nicht zu verwechseln mit der
demotivierenden Resignation, einer emotionalen Haltung. Und genuine Schuldgefühle sind identisch mit dem, was einstmals Tätige Reue genannt wurde, dem spontanen Gefühl, wieder gutmachen zu wollen.
Unter den Kontaktgefühlen lassen sich in gestalttherapeutischer Perspektive also fünf Gruppenunterscheiden:
1. die Attraktions- und Aversionsgefühle des Vorkontaktes,
2. die aggressiven Gefühle der Kontaktnahme,
3. die Zustandsgefühle des Vollen Kontakts,
die den abgelaufenen Kontaktprozess würdigenden Gefühle und schließlich
die hemmenden (Angst- und Scham-) Gefühle.
Den letzteren kommt in der Therapie eine besondere Bedeutung zu, weil sich in ihnen die Macht der Gesellschaft im Individuum psychisch verankert: in der Erregungsangst wird die individuelle Triebenergie und Ausdruckslust gebremst, in den Scham- und Peinlichkeitsgefühlen wird der Gruppenzusammenhang innerpsychisch garantiert. Angstgefühle dieser Art entstehen insbesondere, wenn spontan empfundene Gefühle zu einer expressiven Entladung drängen, die –
überhaupt oder in dieser Situation – gesellschaftliche Standards verletzen würden. Für das Verständnis der Scham- und Peinlichkeitsgefühle andererseits ist es von Bedeutung, dass wir uns auch für andere Menschen in dem Maße schämen können, indem wir uns mit ihnen identifizieren, und dass dementsprechend, wenn es gilt, eine Peinlichkeit zu überwinden und die durch das „Malheur" gestörte soziale Ordnung wiederherstellen, alle zusammenstehen und helfen.
Neurotische Angstgefühle entstehen, wenn die ursprüngliche Richtung und das ursprüngliche Objekt spezifischer Bedürfnisse verdrängt worden sind und wenn diese Bedürfnisse durch einen starken Stimulus in der Umwelt, z.B. die Präsenz und die Interventionen des Therapeuten, erneut geweckt werden. Die nun aufsteigende Erregung wird automatisch durch die Kontraktion im Brustund Halsbereich gebremst und als Angst erlebt. Oft wird dieses Erleben seinerseits bereits im
Vorfeld chronisch abgewehrt. Neurotische Scham- und Peinlichkeitsgefühle entstehen aus einer introjizierten Entwertung der sozialen Kompetenz oder der Körperlichkeit (besonders der Genitalität) oder gar der ganzen Existenz eines Menschen durch zentrale Bezugspersonen.
Obwohl es sich bei den Scham- und Peinlichkeitsgefühlen ihrer phänomenologischen Struktur nach um ein und dasselbe Gefühl in verschiedenen Intensitätsgraden handelt, legt das qualitativ stark unterschiedliche Erleben doch nahe, zwischen Sozialscham, Körperscham und Existentialscham zu unterscheiden (H.P.Dreitzel, 1992). Vor allem die Existentialscham, die zum Bereich der „frühen Störung" gehört und oft bei Kindern, die man hat ständig wissen lassen, dass
sie unerwünscht sind, auftritt, verlangt ein überaus zartes, suportives therapeutisches Herangehen.
Anders als bei der Körperscham etwa ist bei der Existentialscham die Lebenslust, der élan vitale selbst, durch permanente Selbstentwertung so geschwächt, dass ein bloßes „Aushalten" dieses Gefühls auch in der Therapie als tödliche Bedrohung empfunden wird. In diesen Fällen ist die Entwicklung seiner zugleich klaren und sehr supportiven therapeutischen Beziehung, in deren Schutz die verkümmerte Lebenslust tief von innen her wieder belebt werden kann, eine Voraussetzung der allmählichen Erweiterung des Lebensspielraums, der das Ziel aller therapeutischen Arbeit mit den neurotischen Scham- und Peinlichkeitsgefühlen ist.

An der in der Psychologie viel diskutierten klassischen James-Langer-Hypothese, nach welcher ein Mensch z.B. Furcht empfindet, weil er wegläuft, oder traurig ist, weil er weint, ist aus gestalttherapeutischer Perspektive dies (und nur dies) richtig, dass der motorische Ausdruck der Gefühle eine starke Feedback-Wirkung auf das Erleben hat, wobei zur Motorik Stimme und Geste, Mimik und Körperhaltung gehören. Das bedeutet, dass ein Gefühl nur dann einigermaßen intensiv erlebt werden und also auch nur dann eine starke motivierende Kraft entfalten kann, wenn es auch motorisch ausgedrückt wird. (Allerdings hat Manfred Clynes nachgewiesen, dass das Medium der emotionalen Ausdrucksbewegungen nicht notwendigerweise der Körper sein muss; z.B. kommt auch ein ästhetisches Medium, wie etwa Musik, in Frage. M.Clynes, 1976). In der Therapie wie im Alltagsleben ist freilich der immer vorhandene Körper als Medium des
Gefühlsausdrucks naturgemäß stets im Vordergrund. Hinzu kommt, dass diese
Ausdruckbewegungen nicht beziehungslos im Raum stehen; die expressive Seite des Gefühlserlebens ist nicht l´art pour l´art, sondern ist stets auf die jeweilige Umwelt bezogen, sie ist Bewegung auf etwas oder jemanden zu oder von etwas oder jemanden weg, zerstörerisch oder beschützend und so fort. Wir fürchten uns nicht, weil wir weglaufen, sondern weil wir vor etwas oder jemandem weglaufen.
Die Genese von Störungen im emotionalen Erleben (und damit in der Orientierungsfähigkeit und in der motivationalen Kraft zumal im Bereich der Beziehungen) ist also weniger im Bereich des Erlebens als im Bereich des Ausdrucks zu suchen. Es ist ontogenetisch sie auch soziokulturell die
chronische Entmutigung, das gegenüberlose Leerlaufen oder das direkte oder indirekte Verbot des emotionalen Ausdrucks, was die mehr oder weniger schwere Schädigung des emotionalen Sensoriums bewirkt. Dabei ist zunächst zu beachten, dass wir in einer Kultur leben, in der der öffentliche Ausdruck von Gefühlen weitgehend tabuisiert ist. Diese Kultur verlangt „cool" zu sein in allen Lebenslagen außer in den persönlichen Beziehungen zuhause. Jeder Erziehungsprozess ist in diesem Sinne auch ein Zivilisierungsprozess, eine Zähmung ungebärdiger Ausdruckslust im Bereich der Stimme, des Lachens und Weinens und der ganzen Motorik. Dieser von Norbert Elias und seiner Schule in der Soziologie vielschichtig beschriebene Prozess der Zivilisation, in dessen Folge die Scham- und
Peinlichkeitsschwellen im Bereich des emotionalen Ausdrucks ständig angestiegen sind, (N. Elias,1969) hat zunächst bewirkt, dass der Ausdruck von Gefühlen ins Private, ja Intime verbannt worden ist. In der weiteren kulturellen Entwicklung der Moderne ist dem Gefühlsleben dann ein neues Reservat in den visuellen Medien zugewachsen, von wo es als unerreichbares Vorbild heute schon von den ganz Kleinen konsumiert wird. Eine der Folgen dieser Entwicklung ist es, dass
gerade aggressive Gefühle heute am stärksten im familiären Privatbereich ausgelebt werden.
Wenn nun ontogenetisch hinzukommt, dass der Ausdruck von spontaner Freude und Bewegungslust oder heftiger Wut oder bitterem Schmerz bei Kindern entmutigt oder einfach verboten wird, dann ist die Gefahr einer emotionalen Desensibilisierung besonders groß. Denn mit der Anlage zu einem stimmigen Gefühlsleben werden Menschen in allen Kulturen geboren; die Fähigkeit, zu fühlen, gehört zur anthropologischen Ausstattung des Menschen. Aberähnlich wie unser Sprachvermögen muss diese Fähigkeit durch ein entsprechendes Lernmilieu
erst entwickelt und gefördert werden. Gestalttherapie ist auch eine teils nachholende, teils fortführende Schule der Gefühle. Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu beachten, dass es unmöglich ist, unerwünschte Gefühle
zu hemmen ohne die Fähigkeit, erwünschte Gefühle auszudrücken, mitzubeschädigen. So finden sich in der Ätiologie depressiver Störungen oft Verbote, Wut und Schmerz auszudrücken, z.B. wenn ein Elternteil vorzeitig stirbt oder die Familie verlässt, und nun der verbleibende Rest „tapfer zusammenstehen" muss. Das emotionale Sensorium ist nicht teilbar. In der depressiven Störung
wird dann nicht nur Wut und Schmerz, sondern eben auch Freude und Lust nicht mehr ausdrückbar und darum schließlich auch innerlich nicht mehr erlebbar.

Aus diesen Bemerkungen geht schon hervor, warum die Arbeit an den verschütteten Gefühlen so relativ viel Raum einnimmt in der Gestalttherapie. Jede Hinwendung zur Umwelt, die Überraschung bringt oder die von intensiven Bedürfnissen angetrieben ist, bedarf der Orientierung sowohl des Handelnden wie seiner Interaktionspartner an ausgedrückten Gefühlen. Hier liegt das
Defizit unserer Kultur: die emotionale Verödung des öffentlichen Lebens und die Banalisierung und Verfälschung stimmiger Gefühle durch die Medien führen zu einer inneren Desorientierung des Menschen, die sich nicht zuletzt in der Kluft zwischen dem weitgehenden Problembewußtsein und dem überwiegend gefühllosen Handeln gegenüber der Umwelt offenbart.
Die Wiederbelebung des Selbst und Verfeinerung des emotionalen Sensoriums durch aufmerksameres Gewahrsein ist ein zentrales therapeutisches Ziel der Gestalttherapie. Dabei macht sie sich – gerade dann, wenn es um Einzelarbeit vor dem Hintergrund der Gruppe geht – die Tatsache zu Nutze, dass wir ein angeborenes feines Empfinden für die Stimmigkeit der Authentizität des emotionalen Ausdrucks haben. Da mag es z.B. Diskrepanzen zwischen digitaler
und analoger Kommunikation, also in der Regel zwischen dem semantischen Gehalt der Verbalisierung und dem mimetischen Ausdruck des Körpers geben, wie sie die Palo-Alto-Schule als charakteristisch für ein schizophrenogenes Familienmilieu herausgearbeitet hatte. Oder – häufiger – die Menschen sind überhaupt emotional stumm und erstarrt. Oder sie schieben nicht stimmige Gefühle vor die, um die es eigentlich geht, wie wenn (meist) Frauen ständig in Tränen ausbrechen, wenn die Situation ihre Aggressivität verlangt, oder (meist) Männer sich ärgerlich oder
wütend geben, statt ihre Trauer und ihren Schmerz zu spüren. Oder sie offenbaren eine Unfähigkeit zu weinen, die oft pars pro toto für die Unfähigkeit, loszulassen und sich hinzugeben steht. Unabhängig vom Medium des Ausdrucks gibt es stets die Möglichkeit, sich vom Authentischen weit zu entfernen, wie bei Krokodilstränen etwa, oder im Ausdruck das zu treffen, was Manfred Clynes die „essentische Form" eines Gefühls genannt hat (M.Clynes, 1976). Je näher ein Gefühlsausdruck an diese offenbar zerebral vorgegebene „essentische Form" herankommt, desto eher werden die Mitmenschen in ihrer Rolle als Zuhörer/Zuschauer davon betroffen, ja ergriffen sein. Wie es im Binnenverhältnis von Ausdruck und Erleben einen Feedback-
Kreis gibt, so auch im Außenverhältnis von Darsteller und Zuschauer: die Stimmigkeit eines Gefühlsausdrucks spiegelt sich auch in den emotionalen Reaktionen der anderen, die wiederum das emotionale Erleben des einen verstärken. Hier liegen die besonderen Möglichkeiten der gestalttherapeutischen Gruppentherapie. Allerdings ist das angeborene Sensorium für die Stimmigkeit eines emotionalen Ausdrucks oft genug getrübt. Eben deshalb ist die Verfeinerung der emotionalen Empfindsamkeit auch ein besonderes Ziel jeder gestalttherapeutischen Ausbildungstherapie, denn diese ist in Wirklichkeit das wichtigste diagnostische Instrument des Therapeuten.

Nun tauchen freilich die Kontaktgefühle selbst mit geringer Stimmigkeit auch in der
therapeutischen Situation so oft nicht gleich auf – meistens haben wir es zunächst mit emotionalen Haltungen und Überschussaffekten zu tun. Es gibt Ausnahmen; manche schwer narzisstisch gestörte Menschen neigen vor allem am Anfang einer Therapie zu starken Aggressionen, mit denen die drohende Intimität der therapeutischen Beziehung verhindert werden soll; hysterische und Borderline-Patienten können unter Umständen ganz rasch mit starken Gefühlen kommen –
aber in diesen Fällen ist die Stimmigkeit des Gefühlsaudrucks im Hinblich auf Zeitpunkt im Kontaktprozess und auf Intensität gestört.
Unter Überschussaffekten sind Gefühlsaufladungen zu verstehen, die aus anderen Situationen in das Hier und Jetzt mitgebracht werden , sie sind affektive Überschüsse, die in der Auslösesituation nicht oder nicht ausreichend ausgedrückt werden konnten. So z.B. wenn jemand seinen Ärger auf den Therapeuten oder ein Gruppenmitglied (oder sein Dankbarkeitsgefühl, seine Zuneigung, seine Furcht) beim letzten Treffen (noch) nicht ausdrücken konnte, und diese Gefühle nun die
gegenwärtige Situation beeinträchtigen. (F.Perls sprach hier etwas salopp amerikanisierend von „unfinished business"). In diesen Fällen muss eine alte Gestalt erst geschlossen werden, bevor eine neue entstehen kann. Therapeutisch wichtiger ist aber natürlich, die Ursache für das Unvollendetbleiben der Gestalt zu entdecken und ins Gewahrsein zu rücken. Emotionale Haltungen sind Charaktereigenschaften, die der chronischen Abwehr erhöhter Stimuli für verdrängte Handlungsimpulse dienen und in die emotionale Ausdrucksformen und Erlebnislagen mit eingeschmolzen sind. Sie entstehen aus einer Verbindung von Überschussaffekten, die man chronisch nicht los wird mit Charakterintrojekten aus der Kindheit. Nahezu jeder Mensch hat solche emotionalen Haltungen, die in gestalttherapeutischer Sicht allesamt neurotisch in dem Sinne sind, dass sie den spontanen Fluss der Kontaktprozesse an bestimmten Stellen aufstauen, kanalisieren oder umlenken: „Unter idealen Bedingungen hat das Selbst nicht viel Persönlichkeit". (Perls, Hefferline, Goodman, 1979 S. 219) Bei jedem Menschen
verbinden sich die Charakterintrojekte aus seiner Kindheit, die Regeln für den emotionalen Ausdruck aus seinem kulturellen Herkunftsmilieu und die Überschussaffekte aus den unabgeschlossenen Situationen seines Lebens auf je einzigartige und unverwechselbare Weise. Aber es gibt natürlich einige typische emotionale Haltungen, die immer wieder auftauchen, wie neurotische Eifersucht, Resignation, Verächtlichkeit und Verbitterung, aber auch die stets hoffnungsfrohe Fröhlichkeit, besorgte Mütterlichkeit (bei beiden Geschlechtern auch als Helfersyndrom bekannt), Überängstlichkeit und Sentimentalität (Vgl. dazu Näheres bei H.P. Dreitzel, Emotionales Gewahrsein, 1998 Kapitel III,7).
In den konkreten Kontaktsituationen sind es diese emotionalen Haltungen, mit denen die Angstund
Schamgefühle abgewehrt werden. Erst wenn sie bearbeitet sind, treten die hemmenden Gefühle offen zutage und können nun selbst ins Gewahrsein gerückt werden. Wenn Perls nun meinte, dass sich damit alsbald diese unangenehmen Gefühle in Ich-Funktionen verwandeln, dann sind diese Ich-Funktionen oft genug einst verbotene Gefühle, die nun endlich und oft mit starken Erinnerungen verbunden ihren Ausdruck finden.
Neben den emotionalen Haltungen und den Angst- und Schamgefühlen sind es oft die aggressiven Gefühle, die in der Gestalttherapie besonders im Vordergrund stehen. Das liegt an der besonderen Stellung, die die aggressiven Ich-Funktionen der Initiative, der Destrukturierung („destruction") und der Beseitigung („annihilation") im gestalttherapeutischen Modell des Kontaktprozesses einnehmen. Denn in dieser Perspektive ist es ohne ein zugreifendes Herangehen, eine Destrukturierung der vorgefundenen Gestalt und die Beseitigung sich in den
Weg stellender Hindernisse unmöglich, dass die Person den Mangel in ihrem psychischen und physischen Organismus durch Aufnahme von Neuem aus der jeweiligen Umwelt stillt. Insofern haben die aggressiven Funktionen im Kontaktprozess eine positive Bedeutung. Dabei ist die verneinende, ablehnende, Grenzen setzende Funktion ebenso wichtig (und oft gestörter) wie die
bejahende, draufzugehende, anpackende Seite: beide sind zwei Seiten der gleichen Sache. Hemmung der aggressiven Funktionen ist also oft die Schwierigkeit, sich abzugrenzen, Nein zu sagen, aber auch: Kritik zu äußern, Umgestaltung zu riskieren, sich von Altem zu trennen, Neues zu wagen. Sobald aber die Situation schwer zu beseitigende oder gar bedrohliche Hindernisse enthält oder die vorgefundene Gestalt sich als unerwartet zäh und beharrlich erweist, kommen
aggressive Gefühle auf, motiviert und energetisiert sich der Organismus anfangs durch leichten, dann durch starken Ärger, im Extremfall durch die zerstörende Wut oder den vernichtenden Hass.
Das alles sind normale Kontaktfunktionen.
In der Therapie aber ist das Problem, dass – kulturbedingt – die aggressiven Gefühle fast immer mehr oder weniger stark gehemmt sind und gerade deshalb oft Gewalt entsteht, wo ein klares Nein oder ein entschiedenes Fordern schon ausgereicht hätte. Bei chronisch gehemmter Aggressivität fehlt schließlich die in Versuch und Irrtum gewonnene Erfahrung mit den eigenen aggressiven Kräften und führt notorisch zu Fehleinschätzungen der eigenen Kräfte. So ist die
(meist muskuläre) Paralyse der eigenen Energie regelmäßig verbunden mit der Projektion der eigenen Erregung: je stärker die Aggressionshemmung, desto größer die Katastrophenfantasien, in denen abwechselnd die eigene Kraft, wenn losgelassen, alles in der Umwelt vernichten würde oder einen Gegenschlag auslösen, in dem das eigene Ich ausgelöscht wäre. Auf die politische
Gefährlichkeit dieser psychischen Verfassung haben Perls, Hefferline und Goodman bereits 1951 hingewiesen (1980, Bd.II, im Kapitel „Konflikt und Selbstvergewaltigung"). Es ist nur scheinbar paradox, wenn sich hier erweist, dass die therapeutische Bearbeitung aggressiver Hemmungen zur Befriedung unserer sozialen Beziehung beiträgt. Denn wer den kleinen Ärger nicht spürt, gerät
umso leichter in Jähzorn; wem das Nein schwer über die Lippen kommt, wird Ressentiments ansammeln und wem ein Schimpfwort zu gewaltsam ist, der wird leicht von Vernichtungswaffenträumen.

Eine Therapieform, für die die Wiederbelebung der Gefühle einen zentralen Stellenwert besitzt und die – wie ebenfalls die Gestalttherapie - darauf setzt, dass ein therapeutischer Prozess ein wie immer auch vom Therapeuten angeleiteter Dialog in einer authentischen Ich-Du-Beziehung sein
sollte, wird natürlich ein besonderes Augenmerk auf die Emotionalität in der therapeutischen Beziehung haben müssen. Denn in einer solchen Therapieform muss sorgfältig unterschieden werden zwischen Übertragung und Gegenübertragung einerseits und angemessenen emotionalen Reaktionen auf den Stand der Beziehung im Hier und Jetzt andererseits. Das erfordert ein ungewöhnlich hohes Maß an emotionaler Präsenz und emotionalem Gewahrsein vom Therapeuten. Denn im Grunde lässt sich, was Übertragung ist und was normale emotionale Reaktion wie auch sonst bei Projektionen nur an dem ungemessen starken Affekt ablesen. Um aber zu beurteilen, was angemessen ist, muss der Therapeut selbst von Gegenübertragungen möglichst frei sein und gleichzeitig weder durch Aggressionen kränkbar noch durch Sympathiebezeugungen verführbar sein – eine Anforderung, der der Therapeut trotz aller Ausbildungstherapie und Supervision nicht immer entsprechen wird. Für den Analytiker, der sich nicht selbst ins Spiel bringt, wird es leichter sein, etwas als Übertragung zu deuten und damit auch von sich fern zu halten; der Gestalttherapeut muss sich fragen, ob der Patient z.B. nicht zu recht genervt ist, wenn sich auch sein Therapeut nun wieder so verhält, wie es schon sein Vater immer getan hatte. Und die Tatsache, dass gegenwartsbezogene Reaktionen und Übertragungselemente oft gemischt sind, trägt nicht dazu bei, die therapeutische Aufgabe einfacher zu machen. Erleichtert wird sie dem Gestalttherapeuten aber dadurch, dass er auf eine reale Beziehung zwischen Therapeut und Klient setzt und nicht auf eine Übertragungsneurose. Denn damit wird es möglich, dass Übertragen als eine psychische Tätigkeit dann, wenn es auftritt, zu bearbeiten, und zwar
durch Stärkung der sinnlichen Wahrnehmungen des Klienten und durch ein supportives Aushalten seiner Gefühle durch den Therapeuten. Denn so lässt sich nun fragen: was außer der Ähnlichkeit mit Deinem Vater siehst Du noch an mir, und wie erlebst Du mich hier und heute in dieser Stunde? – und wodurch der Patient in seinen Wahrnehmungsfähigkeiten und in seinem emotionalen Potential gestärkt wird.
Eine ganz andere Frage ist es, wie sehr der Therapeut sich selbst emotional in die
therapeutische Beziehung einbringen soll. Entgegen anders lautender Vermutungen ist das in der Praxis der Gestalttherapie relativ wenig der Fall. Für den wenig erfahrenen Therapeuten wird das Zurückhalten eigener Aggressionen bei Kränkungen durch den Klienten und gegebenenfalls eigener erotischer Empfindungen im Vordergrund stehen. Eher wird er sich berührt zeigen, wenn
er die Geschichte des Klienten gut nachfühlen kann. Allmählich wird er lernen, seine Gefühlsäußerungen zu minimisieren, ohne dass sie deshalb an Ausdruckskraft verlieren. Im Allgemeinen reicht das Benennen der eigenen Gefühle – wenn die Stimme modulationsfähig genug ist, um den Klienten zu informieren und gleichzeitig genug Raum für seine eigenen Gefühle zu lassen. Denn es ist ja sein psychisches Erleben und nicht das des Therapeuten, das Thema und Vordergrund der ganzen Interaktion ist. Mit der Zeit aber wird der Therapeut sich während der
Therapie innerlich ganz frei machen können von eigene Reaktionen und immer mehr zu einer Leere im Kopf kommen, die das Herz frei macht für die reine Empathie: Mitgefühl ist der Eros des Therapeuten. Schließlich gilt gerade in der Gestalttherapie der Grundsatz der „selektiven Authentizität" (Ruth Cohn): alles was der Therapeut äußert, ganz besonders aber seine Gefühle, müssen authentisch sein – aber er braucht nicht alles zu äußern und sollte dies auch nicht tun.

Was dem Beobachter gestalttherapeutischer Arbeiten oft als erstes auffällt, ist der praktische Umgang mit den Gefühlen. Die gestalttherapeutischen Techniken machen sich nämlich oft die Tatsache zunutze, dass das Erleben und der Ausdruck der Gefühle in einem regelkreisartigen Zusammenhang stehen: bis zu einem bestimmten Punkt der Sättigung steigern sich Ausdruck und Erleben wechselseitig, und es ist gleichgültig, womit dieser Prozess begonnen wird. Bei starker
Verödung des emotionalen Sensoriums ist es deshalb oft hilfreich, statt mit dem inneren Erleben mit der Ausdruckbewegung zu beginnen und diese allmählich zu steigern.
Jeder kann im Selbstexperiment nachvollziehen, was passiert, wenn wir die Fäuste ballen und dazu die Arme schütteln und die Luft mit einem starken Laut aus unserer Kehle stoßen. Oder wenn man die Nase kraust, die Mundwinkel bei leicht geöffneten Mund nach unten zieht, das Gewahrsein auf die Schluckregion richtet und dabei an faule Eier denkt. Oder wenn man nur mit einiger Aufmerksamkeit eine zarte, streichelnde Handbewegung in der Luft macht. In allen diesen
Fällen wird ein Gefühl durch eine Ausdruckbewegung evoziert, die seiner „essentischen Form" nahe kommt. Auf diese Weise kann schließlich auch das innere Erleben wieder belebt werden. Probleme kann es mit Patienten geben, die zu hysterischen Prozessen neigen (wozu auch Borderline-Patienten gehören), wenn der Therapeut ausschließlich die Verstärkung des Gefühlsausdrucks betont. Denn diese Menschen neigen dazu, im Verhältnis zum Geschehen in
der Umwelt in ihrem emotionalen Ausdrucksverhalten zu rasch und zu intensiv zu sein. Hier ist es wichtig, dass kein Stadium der allmählichen Intensivierung übersprungen wird und vor allem darauf zu achten, dass jede einzelne Stufe der emotionalen Erregung auch tatsächlich erlebt und vom Gewahrsein getragen werden kann.
Für andere Klienten aber, die – wie depressiv gestörte Menschen - in ihrer emotionalen Erlebnisfähigkeit sehr verarmt sind, kann ein künstlich in der Therapie herbeigeführter starker emotionaler Ausdruck oft zu einer befreienden Erfahrung werden. Es müssen dabei aber stets einige Regeln beachtet werden, wenn eine solche Arbeit therapeutisch effektiv sein soll. Wie beim Säugling der erste und kräftigste motorische Ausdruck die Stimme ist (das Schreien, so heißt es,
ist die Gymnastik des Kleinkindes), so muss die Arbeit an der emotionalen Ausdruckshemmung stets mit der Stimme beginnen. Und auch im Weiteren muss etwa das Weinen oder der Schlag mit der Faust oder das Aufstampfen mit dem Fuß immer von einem Laut mitgetragen und begleitet werden. Anderenfalls verlieren die Klienten den Kontakt zu sich selbst. Die Stimme ist nicht zuletzt wichtig, weil sie eine kräftige Atmung garantiert, von der die Bewegung getragen sein muss.
Schließlich muss der Therapeut darauf achten, dass der Klient die Augen offen behält, denn sonst verliert er leicht den Kontakt zur Realität und kann sich unter Umständen schnell in ein quasipsychotisches Erleben reinsteigern. Dazu hilft es, wenn das Gefühl nicht eine objektlose Aufwallung ist, sondern einem konkreten Menschen gilt. Die Gestalttherapie hat hier von den Psychodrama-Methoden gelernt: wenn ein Gefühl nicht einem anwesenden Gruppenmitglied oder dem Therapeuten gilt, dann soll der Klient angewiesen werden, sich die Person, um die es geht, vorzustellen als sei sie anwesend um sich ihr gegenüber zu artikulieren. Dazu können entsprechende Arrangement hilfreich sein: die angesprochenen Person kann in der Phantasie auf einen eigens dafür zurecht gerückten Stuhl gesetzt werden etc. Ein weiterer Vorteil dieser Technik ist es, dass es nach einer Weile manchmal sinnvoll werden kann, den Klienten in die Rolle des
Adressaten seiner Gefühle schlüpfen zu lassen , um gegebenenfalls projektive Elemente dabei ins Gewahrsein zu bringen. In der Gestalttherapie wird eine Fülle von Techniken zur Wiederbelebung der Emotionen benutzt, die oft von anderen, körperorientierten Therapieschulen entlehnt wurden und von denen jeder Gestalttherapeut sein eigenes Repertoire hat. Seit in der Gestalttherapie wie
in anderen Therapieschulen die sogenannten „frühen Störungen" stärker in der Blick gerückt sind, werden manche dieser Techniken seltener benutzt, weil es bei diesen Störungen eher auf Orientierung und auf die weicheren Gefühle ankommt. Dennoch geht es auch hier um die gleichen Prinzipien der therapeutischen Arbeit mit Emotionen; was weniger dramatisch aussieht, muss deshalb nicht weniger intensiv erlebbar sein: ein ruhiger, warmer Blickkontakt, eine sanfte stille
Berührung, ein gemeinsames freudiges Lachen können im Bereich der Zustandsgefühle des Vollen Kontakts mehr erreichen als die dramatischeren Techniken im Umgang mit den aggressiven Gefühlen.

Zur differentialdiagnostischen Bedeutung der Arbeit an den Gefühlen ist oben schon einiges gesagt worden. Grundsätzlich gilt, dass besonders bei Menschen mit „frühen Störungen" das Vertrauen in eine tragfähige, reale Beziehung zwischen Patient und Therapeut durch absolute Verlässlichkeit des Therapeuten aufgebaut und gestärkt werden muss, wobei die Regelmäßigkeit und Stabilität der zeitlichen und räumlichen Arrangements sowie eine warme Aufmerksamkeit des
Therapeuten aus einer Position, die unverrückbar zwischen zu viel Nähe und zu großer Distanz die Mitte hält, wichtig sind. Da die „frühen Störungen" sich im Kontaktprozess zunächst als Vorkontakt- Störungen manifestieren, geht es bei ihnen nicht so sehr um die aggressiven als um die Attraktions- und Aversionsgefühle und vor allem um das genaue Spüren von Körperempfindungen.
Die Fragen, die hier im Erleben immer wieder verwirrend offen stehen, lauten: was ist ICH und was ist NICHT-ICH? Und: wie weit reiche ICH, wo beginnst DU? Oder: gibt es im NICHT-ICH ein DU, das nicht tödlich ist, das mich trägt und aufhebt? Schließlich: bin ich es wert zu LEBEN und Raum einzunehmen?
Bei der Überwindung der Existentialscham, als welche diese letzte Frage chronisch erlebt wird, kann sich eine konzentrative Atemarbeit als günstig erweisen. Denn alle Bestätigung des Lebenswerts der eigenen Person, die von außen (dem Therapeuten, der Gruppe, dem Partner) kommt, kann das Grundintrojekt „ich soll nicht existieren" nicht ändern, eben weil sie von außen kommt statt aus dem inneren Erleben. Niemand aber kann für einen anderen atmen, und – nicht
einmal der Betroffene selbst könnte ständig bewusst atmen: der Atem kommt und geht von allein,
und diese Erfahrung ist eine Erfahrung von geschenktem Leben. Wenn die Symptomatik der „Frühgestörten" eher ins Psychotische geht, ist die Arbeit mit starken Gefühlen kontraindiziert. Hier geht es um Annehmen und Verwerfen, um Unterscheidungen treffen zwischen Ich und Nicht- Ich, zwischen Innen und Außen. Ich spüre Brennen in der Magengegend: ich habe Hunger, das bin ICH; ich sehe einen Apfel, das ist draußen, das ist (noch) NICHT-ICH. Geht die Störung mehr ins Narzisstische, dann liegt eher die Schwierigkeit vor, sich in den Vollen
Kontakt fallen zu lassen und wirkliche Begegnung mit dem anderen zu riskieren (vgl. Dreitzel 1988, Müller 1988). Die Heilung narzisstischer Störungen führt über das Akzeptieren, Aushalten und schließlich Genießen eigener positiver Gefühle und fremder Hilfe und Zuwendung. Denn in diesen Zustandsgefühlen ist das Ich emotional vom Du getragen, eben nicht: verloren, sondern: aufgehoben. – Für die zwischen diesen beiden Polen schwankenden „Borderline"-Gestörten kommt es darauf an, die emotionale Ambivalenz in Beziehungen zu erleben und ertragen zu
lernen: in jeder dauerhaften Beziehung kommt es zu einer Fülle von unterschiedlichen Kontaktprozessen, die mal befriedigender, mal weniger befriedigend, mal konfliktreich, mal übereinstimmend, mal sich streitend, mal sich liebend verlaufen – ohne dass deshalb die Tragfähigkeit und Verlässlichkeit der Beziehung schon in Frage gestellt wäre. Eben dies ist außerhalb des emotionalen Erfahrungshorizontes der „Borderline"-Gestörten. Wiederum ist also
die Stabilität der therapeutischen Beziehung von ausschlaggebender Bedeutung. Aus diesem Grund kommt die klassische gestalttherapeutische Gruppentherapie, die F. Perls erst in seinen letzten zehn Lebensjahren entwickelt hat und die für viele Außenstehende noch immer mit der Gestalttherapie überhaupt identifiziert wird, für diese Patienten kaum in Frage.
Anders bei zwanghaften und depressiven, hysterischen und psychopathischen
Erscheinungsbildern – in allen diesen Fällen kommt es darauf an, den Patienten zu einer besseren emotionalen Orientierung (und damit implizit zu einem reicheren emotionalem Erleben überhaupt) zu verhelfen – bei den einen durch Intensivierung des Gefühlserlebens mitteln einer Verstärkung der Ausdruckbewegung, bei den anderen durch Verfeinerung der Schritte des emotionalen Erlebens im Kontaktprozess mittels größerer Genauigkeit im Gewahrsein. Diese Ziele lassen sich
in der Arbeit vor und mit der Gruppe besonders gut verfolgen, weil die Gruppe eben auch ein emotionaler Resonanzboden ist, der ebenso als Verstärker wie als Eichungsinstrument für emotionale Regungen dienen kann.
Von der Bedeutung, die die Arbeit an den Aggressionshemmungen in der Gestalttherapie hat, war schon die Rede. Erwähnt werden sollte noch, dass aus gestalttherapeutischer Sicht die Unterdrückung von Aggressionen auch bei der Trauerarbeit eine Rolle spielt. Anne Clark, die in den USA als Gestalttherapeutin speziell mit Trauernden arbeitet, hat drei Phasen der Trauerarbeit unterschieden (A.Clark, 1982):
1. die Phase von Schock und Rückzug, in der das Kontaktgefühl der Trauer
(engl. „grief") im Vordergrund steht;
2. die Phase des Ärgers;
3. die Phase des Akzeptierens.
Jede dieser drei Phasen kann unvollständig erlebt werden und insofern unabgeschlossen sein. Anne Clark aber legt besonderen Wert auf die Feststellung, dass die meisten therapeutischen Probleme im Zusammenhang mit Trauerarbeit aus der Unterdrückung und Verdrängung des Ärgers gegenüber dem Toten entstehen. Und zwar kann dies Ärger sein, der aus früheren, unbeendeten Situationen stammt. Aber über Tote soll man nichts Schlechtes sagen – jedenfalls
nicht in der Trauerzeit. Dann gibt es den Ärger über die Tatsache, dass der Verstorbene gerade jetzt, wo die Hinterbliebenen Rat und Hilfe brauchen, nicht mehr da ist. Aber auch dieser Ärger kann wegen seiner offenkundigen Irrationalität nicht gut ausgedrückt werden. Und schließlich gibt es die existentielle Wut über die Schicksalhaftigkeit des Sterbens überhaupt, die leicht auf den Toten projiziert wird und dann zu nachträglichen Ressentiments führt. In der therapeutischen
Bearbeitung von Verlusterfahrungen ist die Auflösung verdrängter Aggressionen ein wesentlicher Schritt.
Ein letzter Punkt in diesem Zusammenhang, auf den in der Gestalttherapie Wert gelegt wird, ist die Offenlegung von unterdrückten Schuldgefühlen. In der Psychoanalyse, zumal der amerikanischen, hat man zuweilen den Eindruck, als gäbe es überhaupt nur neurotische Schuldgefühle (R.J.Lifton, 1979). Tatsächlich aber macht sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens immer wieder einmal schuldig, und einige laden große Schuld auf sich. Neurotische Schuldgefühle entstehen aus der Verletzung introjizierter, aber nicht assimilierter
Verhaltensregeln und Werte. Da diese das Leben, den Fluss der Kontaktprozesse nicht fördern, sondern hemmen, liegt der èlan vitale, die (heimliche) Lust bei der Verletzung solcher Introjekte nahe, und das führt zu den neurotischen Schuldgefühlen. Diese Gefühle sind keine echten Kontaktgefühle, sondern Gewissensbisse, die eher Zwangsgedanken vergleichbar sind. Echte Schuldgefühle dagegen entstehen aus eine unnötigen, fahrlässigen oder gar absichtsvollen
Verletzung, Zerstörung und Vernichtung der Integrität unserer Umwelt, unnötig, weil weit über das Ziel der Bedürfnisbefriedigung hinausgehend, oder weil dieses Ziel auch mit gewaltloseren und überhaupt geringeren Mitteln erreichbar gewesen wäre. Die Schwierigkeit besteht darin, dass dieses Gefühl gern vermieden wird. Dann aber quält es den Betroffenen ständig im Hintergrund aller Kontaktprozesse, statt seine Funktion zu erfüllen, um ihn unverzüglich zur wiedergutmachenden Tat zu motivieren. Denn echtes Schuldgefühl ist tätige Reue, die auch dann Gutes bewirken will, wenn eine Restitution des vorhergehenden Zustands nicht möglich ist.
Neurotische Schuldgefühle können therapeutisch nur dadurch überwunden werden, dass der Klient sich mit seiner unbewussten Sabotage an den eigenen neurotischen Introjekten identifiziert – denn dort fließt die Lebensenergie, wenn auch durch die Introjekte oft in die falsche Richtung gelenkt. Die Introjekte lösen sich dann von alleine auf. Echte Schuldgefühle dagegen müssen ertragen werden; sie verwandeln sich dann von selbst in irgendeine heilende Aktivität, die nun beschützend und oft auch kreativ ist.

Es ist im Grund unmöglich, die gestalttherapeutische Arbeit mit Gefühlen mit bloßen Worten zu beschreiben. Zuviel hängt hier an averbaler Kommunikation, an Körperprozessen und an Nuancen des mimetischen Ausdrucks. Und dies nicht nur beim Patienten, sondern auch beim Therapeuten: wie oft vermag ein warmer, ruhiger, beständiger Blick den anderen tiefer erreichen als alle Worte, wie viel liegt an der Modulation und Lautstärke der Stimme, wie ausschlaggebend kann eine
tröstende Hand auf der Schulter oder bloßes Augenzwinkern sein. Und dabei sind die Arbeit mit den Bewegungen des Körpers und die stille Atemarbeit noch nicht erwähnt. Selbst eine Videokamera, wenn sie nicht von einem Meister dieser Kunst geführt wird, kann hier nur unvollständigen Einblick geben. Denn wie ließe sich z.B. filmen, geschweige denn in Worte fassen, was wirklich geschieht, wenn der Therapeut, um den Klienten an einer entscheidenden Stelle zu mehr Unterstützung durch seinem Atem zu verhelfen, selbst tiefer atmet und der Klient, wie oft
geschieht, ohne es zu wissen spiegelbildlich darauf mit einem kräftigeren Atem reagiert? Diese Art von Interventionen lassen sich in keinem Lehrbuch beschreiben, sie müssen auf die alte Weise im Verhältnis von Meister und Schüler gelehrt werden.


Literatur
BEAUMONT, Hunter: Identität, Kontakt und Middle-Mode, in: Gestalttherapie, 5.Jg., H.2, Dez.1991
CLYNES, Manfred: Sentics – The Touch of Emotions, New York 1976
CLARK, Anne: Grief und Gestalt-Therapy, in: Gestalt Journal, Spring 1982
DREITZEL, Hans Peter: Reflexive Sinnlichkeit – Mensch, Umwelt, Gestalttherapie, Edition
Humanistische Psychologie, Köln 1992
Taschenbuchausgabe unter dem Titel „Emotionales Gewahrsein" DTV 1998
DREITZEL, Hans Peter: Zur Theorie und Genese narzisstischer Persönlichkeitsfunktionsstörungen
in: Gestalttherapie Jg. 2, H.2; 1988
ELIAS, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation, 2 Bde., (1939), Frankfurt 1969
LIFTON, Robert Jay: The Broken Connection, New York 1979
YONTEF, Gary: Assimilating Diagnostic and Psychoanalytic Perspectives into Gestalt-Therapy in:
Gestalt Journal, Spring 1988
MÜLLER Bertram: Zur Theorie der Diagnostik narzisstischer Erlebens und Verhaltensstrukturen,
in: Gestalttherapie, Jg, H.2, 1988
MÜLLER-EBERT, Johanna; JOSEFSKY, Manfred: Phänomenologische Beschreibung
narzisstischer Erlebnis- und Verhaltensstörung – Phasen typischer Therapieverläufe in:
Gestalttherapie, Jg. 2, H.2, 1988
PERLS, Frederik; HEFFERLINE, Ralph F.; GOODMAN, Paul: Gestalt-Therapie (1951), Bd.1,
Wiederbelebung des Selbst; Bd. 2, Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung, Stuttgart 1979.
SCHEFF, Thomas: Explosion der Gefühle – über die kulturelle und therapeutische Bedeutung kathartischen Erlebens, Weinheim 1983
VINCENT, Jean-Didier: Biologie des Begehrens – Wie Gefühle entstehen, Reinbeck 1990
Dieser Aufsatz ist erschienen in:
PETZOLD, Hilarion G. (Hrsg.): Die Wiederentdeckung des Gefühls. Emotionen in der
Psychotherapie und der menschlichen Entwicklung, Jungfernmann Verlag; Paderborn 1995, Leicht gekürzte Fassung.