Die Weltkrise im Spiegel der Gestalttherapie
Thesen zur Re-Politisierung der Psychotherapie
Hans Peter Dreitzel
Vortrag auf der Fachtagung der Fachsektion Integrative Gestalttherapie im ÖAAG zu ihrem
dreißigjährigen Bestehen in Graz am 23. Januar 2009-01-2009
Tagungsthema: „Samma krank?“ - Aktuelle Krankheitsbilder unter besonderer
Berücksichtigung der wechselseitigen Beziehung von Individuum und Gesellschaft“
Die im Thema dieser Tagung implizierte Vermutung, dass es die Gesellschaft
ist, die uns krank macht, könnte aktueller nicht sein. Gleich eine ganze Reihe
von gesellschaftlichen Krisen haben den letzten Monaten zu einer solchen
Inflation des Krisenbegriffs geführt, dass einem ganz schwindlig davon werden
kann: Finanzkrise – Krise des Kapitalismus – Energiekrise - Klima-
Veränderung, und dann all die damit verbundenen Teil-Krisen, die im Wechsel
ihres Auftretens jeweils von den Medien hoch gekocht werden und dann wieder
verblassen – Krise der Automobilindustrie – Krise der Gasversorgung - Krise
des Arbeitsmarktes, oder die uns dauerhaft begleiten wie die Bildungskrise oder
die Krise des Gesundheitssystems. Ich will im Folgenden versuchen zu zeigen,
dass all diese Krisen unterschiedliche Erscheinungsformen eines Vorganges
sind, für den mir der Begriff „Weltkrise“ nicht zu groß erscheint. Das verlangt
allerdings nach einer sorgfältigen Begründung.
Ich möchte mich nacheinander drei Fragen zuwenden:
- Worin besteht das Krisenhafte weltweiter Entwicklungen?
- Wie schaut diese Weltkrise aus, wenn wir sie aus dem Blickwinkel der
Psychotherapie betrachten?
- Welchen Beitrag könnte speziell die Gestalttherapie zur Bewältigung der
anstehenden Aufgaben leisten?
Die erste Frage, die dem Begriff der Weltkrise gilt, wird dabei den meisten
Raum einnehmen, denn um Klarheit darüber zu gewinnen, worum es dabei
eigentlich geht, müssen wir den Schleier unserer natürlichen Abwehr gegenüber
diesem bedrohlichen Thema für einen Moment beiseite schieben, und uns erst
einmal ganz darauf einlassen. Ich hoffe dann bei der Beantwortung der zweiten
und dritten Frage zu zeigen, dass dieses Thema dennoch gut geeignet ist für eine
Jubiläumsveranstaltung, auf der sich die Gestalttherapie auch selbst feiert.
Ich habe durchaus Verständnis für die Kritik jener Kultur- und
Zivilisationskritik, die im deutschsprachigen Raum immer wieder eine ungute
Tradition der Modernitätsfeindlichkeit neu belebt. Von Spenglers „Untergang
des Abendlandes“ bis zur gegenwärtigen Katastrophenrhetorik kommt darin eine
„Lust am Untergang“ (Friedrich Sieburg, Die Lust am Untergang ,1954 damals ein Bestseller)
zum Ausdruck, die lange als deutsche Spezialität galt, wie es noch im
französischen Fremdwort „Le Angst“ zum Ausdruck kommt. Inzwischen aber
erfreut sich das besonders von Hollywood gepflegte Genre des Untergangsund
Katastrophenfilms weltweiter Beliebtheit.
Ich habe also durchaus Verständnis für die Kritik der Schriftstellerin Thea
Dorn, die in einem jüngst im SPIEGEL erschienen Essay sagt: „Es ist also
nichts Neues, wenn in unseren Tagen wahlweise die Vogelgrippe, der
Millenium-Bug, die demographische Entwicklung, die Erderwärmung oder
aktuell die Wirtschaftskrise als Reiter der Apokalypse besungen werden. Das
Geschäft mit der Angst dürfte das in Wahrheit älteste Gewerbe der Welt sein.“
(Spiegel 2, 2009, S. 126),
Daran ist viel Wahres, und dennoch handelt es sich um eine völlig unzulässige
Verallgemeinerung. Zum Beispiel zitiert Thea Dorn, Jg. 1970, Karls Jaspers’
aus seiner 1957 erschienenen Schrift. „Die Atombombe und die Zukunft des
Menschen“ mit den Sätzen „Vor der Drohung totaler Vernichtung sind wir auf
den Sinn unseres Daseins zurück geworfen. Die Möglichkeit der totalen
Zerstörung fordert unsere ganze innere Wirklichkeit heraus“ (zitiert nach T.Dorn,
a.a.O.). Wenn Thea Dorn dann diese Sorge als ein gutes Beispiel für die in der
BRD „schon länger solide und begeistert geleistete Katastrophenarbeit“ (S.127)
belächelt, hast sie etwas nicht verstanden, und zeigt damit nur, dass fortdauernde
atomare Bedrohung seit Ende des Kalten Krieges leichter als zuvor verdrängt
werden kann.
Und die wird durchaus verständlich, wenn man sich klar macht, das es sich bei
den Zuschauern um eine Identifikation mit dem Aggressor handelt, also nicht
um eine Lust am Untergang, was immer das psychologisch überhaupt sein soll,
sondern um eine Bewältigungsstrategie der Angst vor den weltweiten
Bedrohungen durch Terroristen oder Energieknappheit oder die Erderwärmung,
die nicht eingebildet sind.
Die Epoche der weltweiten Bedrohung begann paradoxerweise am Ende des 2.
Weltkriegs 1945 mit dem Abwurf der ersten Atombombe. In den Fünfziger
Jahren veröffentlichte der damals bedeutendste Philosoph deutscher Sprache
Karl Jaspers seine Schrift „Die Atombombe und die Zukunft der Menschheit“.
Darin heißt: „Vor der Drohung totaler Vernichtung sind wir auf den Sinn
unseres Daseins zurück geworfen. Die Möglichkeit der totalen Zerstörung
fordert unsere ganz innere Wirklichkeit heraus“. (Zitiert nach Thea Dorn, a.a.O.)
Bis heute hat Jaspers unverändert Recht. Tatsächlich wird die atomare
Bedrohung nie wieder verschwinden; sie ist vielmehr noch schlimmer
geworden, seit die Bombe auch in Staaten gebaut wird, deren sozio-kulturtelle
Verhältnisse einen fruchtbaren Nährboden für den internationalen Terrorismus
bieten. In Wirklichkeit ist die atomare Bedrohung inzwischen zu einer
kulturellen Selbstverständlichkeit geworden. Das ist es unter anderem, was Peter
Sloterdijk zu der Behauptung bewogen hat, dass wir in einer „katastrophischen
Kultur“ leben.
Diese Formulierung nimmt einen Gedankengang auf, den in bis heute nicht
übertroffnem, kompromisslosem Scharfsinn der Technik-Philosoph Günter
Anders in seinem 1961 erschienen Hauptwerk „Die Antiquiertheit des
Menschen“ entwickelt hat, dass nämlich die Menschheit mit der Entwicklung
der Atom- und der Wasserstoffbombe sich in die Lage versetzt habe, einem
Globizid, wie Anders das bündig nennt, zu begehen. In dieser Hinsicht weit
mehr als durch das Ende des 2. Weltkrieges bedeutete das Jahr 1945 einen
Epochenwechsel.
Denn seit dem ersten Atombombenabwurf hat sich gezeigt, dass die Menschheit
eine neue Qualität von Autonomie in ihrer Entwicklung erreicht hat, sie ist
nämlich nunmehr als Gattung suizidfähig geworden. Damit mehr als durch jede
andere inzwischen erfolgte Globalisierung ist die Menschheit irreversibel zu
einem Ganzen geworden; jede Gesellschaft ist nun Teil der Weltgesellschaft.
Und das eben nicht nur durch die Gefahr eines Atomkrieges, sondern auch durch
die Tatsache, dass unsere heutige Zivilisation allein schon durch einen Unfall
oder eine Serie von Unfällen in ihrem Kern getroffen werden kann.
Kann – nicht muss. Aber wir wissen seit Tschernobyl um die unglaublichen
Folgen selbst eines lokalen atomaren Unfalls Wir wissen heute, dass
Technische Großunfälle durch ein zufälliges Zusammentreffen mehrerer
geringfügiger, Störungen zustande kommen, deren Verkettung auf eine zu hohe
Komplexität und eine zu geringe Flexibilität zurückzuführen ist. Charles Perrow
Normale Katastrophen, Über die unvermeidbaren Risiken der Großtechnik,, 1988).
Es spricht nichts gegen die Annahme, dass auch atomare Kriegsunfälle auf
ähnliche Weise entstehen können. Das Gleich trifft auf die globalen Netzwerke
zu, wie z. B. das elektronische Netzwerk. Immer sind sie die gleichen Ursachen
am Werk: ein zufälliges Zusammentreffen vieler in sich banaler
Betriebsstörungen mit der immer vorhandenen hochgradigen Komplexität der
Systeme. Diese Tatsache hat besonderes Gewicht auch bei den Auswirkungen
des technisierten Lebens in seiner Gesamtheit auf die uns umgebende und uns
tragende Natur z. B. beim Artensterben. Denn immer führen Störungen dieser
Systeme schnell an den Rand von unkontrollierbaren Kettenreaktionen, die das
System insgesamt aus so dem Gleichgewicht bringen können. Wie jetzt das d
Finanzmärkte. Das aber ist eine chronische und daher chronisch beängstigende
Bedrohung. Die „katastrophische Kultur“, die damit beschrieben ist, ist also
eine Kultur der Angst.
Ich bin davon überzeugt, dass die….neuen Existenzbedingungen der
menschlichen Gattung allmählich zu einer vollständigen Änderung des
Verhältnisses führen werden, dass wir zu uns selbst, zu unserer natürlichen
Umwelt und zur Technik haben. Aber das mag Jahrzehnte, wenn nicht
Jahrhunderte dauern, und inzwischen setzen sich, auch ohne dass der Größte
Anzunehmende Unfall, ein GAU, alle anderen Probleme obsolet macht, jene
anderen katastrophischen Entwicklungsprozesse bedrohlich fort, die uns
gegenwärtig mehr beschäftigen. Ein Bewusstsein von der neuen Qualität
unserer Existenz nach Erlangung unserer Suizidfähigkeit ist aber die
Voraussetzung jeder wirklich greifenden Analyse auch dieser Prozesse.“ ( Vgl.
dazu auch H.P.Dreitzel, H.Stenger ,Hrsg., Ungewollte Selbstzerstörung, 1990 Reflexionen über den Umgang mit
katastrophalen Entwicklungen. Einleitung (vom Autor) S. 9/10)
Bevor ich also darauf zu sprechen komme, wie wir mit der zur katastrophischen
Kultur gehörigen Angst umgehen, möchte ich erläutern wie und welche
weltweiten krisenhaften Entwicklungen immer wieder und immer weiter dazu
beitragen, das Katastrophische an unserer Lebenswelt zuzuspitzen und aktuell
ins Bewusstsein treten zu lassen.
Krisenhaft nenne ich solche Entwicklungen, die durch quantitatives Wachstum
zwangsläufig an einen Kipp-Punkt geraten, an dem weiteres Wachstum in
qualitative Veränderung umschlägt. Das Wachstum kann numerisch sein, wie
z. B. der Anstieg der Weltbevölkerung, oder es kann struktureller Natur sein,
wie z. B. beim Wachstum pilzartiger Verflechtungen in der Bürokratie.
Die gemeinsamen Merkmale dieser Entwicklungsprozesse sind:
- Beschleunigung,
- gesteigerte Komplexität und
- Unvorhersehbarkeit der qualitativen Veränderungen.
Jedes dieser drei Merkmale macht Angst.
Und genau das ist es, wo Psychotherapie ins Spiel kommt. Denn es ist
- die Beschleunigung unseres Lebens, die die Hauptursache für unseren
Stress ist, und es ist
- die wachsende Komplexität aller unserer Lebensbereiche, die uns so
hilflos und scheinbar handlungsunfähig macht, und es ist
- die Unvorhersehbarkeit von Entwicklungsprozessen mit katastrophischem
Potential, die unsere Lebensangst so steigert, dass sie ständig verdrängt
werden muss.
Ich möchte das an einem noch relativ harmlosen Beispiel erläutern:
Die quantitative Entwicklung der Wissenschaft
- Die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen verdoppelt sich
etwa alle 30 Jahre. Der Kipp-Punkt, an dem diese Entwicklung in einen
neuen qualitativen Zustand gerät, ist bereits überschritten. Die daraus
resultierende Informations- und Kommunikationskrise unter
Wissenschaftlern hat zu Neuerungen geführt, die selbst problematisch
sind: Das Internet zum Beispiel hat die Lage nur vorübergehend
verbessert; inzwischen generiert das Internet mehr Informationen als
verarbeitet und verstanden werden können. Oder: in den
Naturwissenschaften haben einige wenige Zeitschriften ihre
Schleusenfunktion soweit ausgebaut, dass sie inzwischen weltweit über
die Gültigkeit und den Wert von Forschungsergebnissen und damit auch
über die Karriere von Wissenschaftlern entscheiden. – In den Geistesund
Sozialwissenschaften dagegen hat diese Wachstumskrise den
Einfluss wissenschaftlicher Moden verstärkt, die wie auf einem Markt
über die Relevanz von Theorien und Forschungsbereichen und damit den
Zugang zu Forschungsgeldern entscheiden.
Angesichts der Bedeutung, die Wissenschaft für die moderne Welt hat, sind
solche Veränderungen von immenser Bedeutung.
Ein Beispiel ist von noch größerer Komplexität ist
Die Entwicklung der Weltbevölkerung
- Seit 15 Jahren etwa ist erstmalig die Steigerungs- bez. Progressionsrate
des Wachstums gesunken. D. h. das Wachstum geht weiter, aber nicht
mehr in ganz der gleichen Geschwindigkeit. Auch weiß man nun mehr
über die Ursachen dieser Abschwächung des Bevölkerungswachstums:
der Hauptwirkfaktor ist eine veränderte, nämlich autonomere Stellung der
Frau in den Gesellschaften mit hohem Bevölkerungsdruck.
Damit werden jetzt erst Überlegungen sinnvoll, wie viele Menschen unser
Planet überhaupt verträgt. Einerseits ist klar - wenn auch schwer
berechenbar - welche negativen Folgen dieses Wachstum für die ganze
Welt haben wird, nämlich:
- knappere Energieressourcen,
- größere Umweltverschmutzung,
- schnellere Erderwärmung,
- höhere Arbeitslosigkeit,
- stärkerer Migrationsdruck.
Andererseits ist völlig unklar, welche Auswirkungen die mit dieser Entwicklung
verbundene Steigerung der Komplexität haben wird, auf welche Weise also die
einzelnen negativen Auswirkungen auf einander einwirken, sich wechselseitig
steigern oder aufheben bez. dämpfen. Welche politischen Folgen etwa das
Bevölkerungswachstum haben wird, z. B. für die Verbreitung oder das
Verschwinden der Demokratie, ist kaum voraussehbar. Denken wir nur daran,
wie wenig die Ursachen und Wirkungsverflechtungen bei der gegenwärtigen
Finanzkrise selbst von den Wirtschaftswissenschaftlern durchschaut wird! Oder
um ein anderes Beispiel für die Unvorhersehbarkeit des Kipp-Punktes bei der
krisenhaften Entwicklung hochkomplexer Systeme zu nennen: so gut wie kein
Politiker oder Politikwissenschaftler hat den Zeitpunkt und die Geschwindigkeit
des Zusammenbruchs der Sowjet-Union vorausgesehen! Diese Erfahrungen
sollten einigermaßen skeptisch machen gegenüber allen Behauptungen, man
bekäme die jeweilige krisenhafte Entwicklung schon in den Griff.
Nach dem Kipp-Punkt haben wir es mit einer qualitativen Veränderung zu tun,
in der die bisher erprobten Strategien nicht mehr taugen. Wenn wir aber zu
wenig Informationen über uns existentiell berührende Situationen und
Entwicklungen haben, dann – das wir wissen wir als Psychotherapeuten ja gut –
dann müssen wir projizieren. Auch das erklärt den überquellenden Krisendiskurs
dieser Tage.
Nun zu den schwierigeren, durch ihre Undurchschaubarkeit bedrohlichen
Entwicklungen.
Gegenwärtig denken wir wohl zuerst an die aktuellste Krise, die Banken-Krise.
Die Bankenkrise ist der Globalisierung der Finanzmärkte zu verdanken und hat
eben deshalb diese enorme Größe, verursacht diese unglaublichen Kosten. Sie
die erste globale Krise dieser Art - aber die Loslösung des Finanzkapitals von
der Produktionssphäre, die sogenannte Geldblase, ist nichts prinzipiell Neues,
sondern war ein charakteristisches Merkmal des Kapitalismus von je her, nur
eben jetzt in neuer, bislang unbekannter Größenordnung. Auch hier haben wir es
mit einem progressiven quantitativen Wachstum zu tun, (hier der im Umlauf
befindlichen Geldmenge) die an einen Kipp-Punkt geraten kann.
Daher die Panik mancher Bankiers und der meisten Politiker. Es war immerhin
der Chef der Deutschen Bundesbank Axel Weber, der im November vor dem
deutschen Parlament, also in aller Öffentlichkeit erklärte, dass möglicherweise
der gesamte Geldverkehr zum Erliegen käme, wenn die Bundesregierung die
Hypo-Real-Bank nicht mit entsprechenden Milliarden stützen würde….
Die ersten Jahre nach dem 2.Weltkrieg sind nun schon so lange her, dass in der
Öffentlichkeit kaum bemerkt wurde, was das hieße: kein Geld mehr von der
Bank, kein Geld mehr aus dem Bankautomaten, keine Lohn- und
Gehaltsauszahlungen mehr – einige Wochen später nur noch Naturalientausch
und Lebensmittelkarten. Ich erinnere mich: Das könnte man schon eine
Katastrophe nennen.
Ich persönlich glaube allerdings nicht, dass dieser Punkt in der gegenwärtigen
Krise bereits erreicht wird. Ich denke, dieses System ist noch regulations- und
daher sogar noch ausbaufähig. Die nächste Krise allerdings kommt bestimmt.
Ich weiß, dies ist nur die Meinung eines informierten Laien aus dem
Nachbarfach Soziologie; aber es scheint ja nun so, als sei inzwischen eine solche
Meinung nicht so viel weniger wert als die der Wirtschaftswissenschaftler
selbst.
Wie steht es mit anderen Krisen?
Vor zwanzig Jahren habe ich einen Sammelband von „Reflexionen über den
Umgang mit katastrophalen Entwicklungsprozessen“ herausgegeben, der dann
unter dem Titel „Ungewollte Selbstzerstörung“ erschien. Ich erlaube mir, aus
meiner Einleitung von damals zu zitieren:
"Zu den katastrophalen Entwicklungsprozessen, die sich bisher als nicht
umkehrbar oder jedenfalls nicht aufhaltbar erwiesen haben, gehören in erster
Linie
- das Wachstum der Weltbevölkerung;
- der Verbrauch an unwiederbringlichen Energien;
- die Vergiftung von Wasser, Land und Atmosphäre;
- die weltweite Zunahme radioaktiver Strahlung und
- die …die noch immer anhaltende Hochrüstung:
Andere katastrophale Entwicklungen sind eher die Folge dieser Prozesse:
- die weltweite Verstädterung;
- die damit verbundene Verkehrsproblematik, und vor allem
- die globale Klimaveränderung.“
Schließlich gibt es noch Entwicklungen, deren Einfluss auf unser Leben mit
Sicherheit enorm ist oder sein wird, die aber nicht auf einem befürchteten oder
tatsächlich eingetretenen Umschlag einer quantitativen Entwicklung beruhen,
sondern die an sich schon eine qualitative Veränderung unvorhersehbarer Art
bedeuten. Ich meine
- die Entwicklung der Gen-Technologie;
- die Entwicklung medizinischer Körpertechnologien;
- die Entwicklung der Gehirnforschung;
- die Entwicklung der visuellen Medien; sowie
- die Entwicklung des Computerwesens bez. die Elektronisierung unseres
Alltagslebens; und
- die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz.“
(hier mit leichten Veränderungen a. a. O., S. 10.)
Die Unvorhersehbarkeit, ja zuweilen sogar Unvorstellbarkeit dieser
Entwicklungen und ihrer wechselseitigen Beeinflussung und Durchdringung
erweckt Hoffnungen und Ängste, die durch die Medien verbreitet und verstärkt
werden. Sie stellen unsere überlieferten Menschenbilder in Frage und
erschüttern damit auch die moralische Basis unseres Zusammenlebens und
unserer gesellschaftlichen Institutionen. Sie fordern in der Tat, wie Karl Jaspers
es „nur“ über die Atombombe sagte, unsere „ innere Wirklichkeit“ heraus.
Auch diese strukturellen Entwicklungen haben insofern einen katastrophischen
Charakter, als sie durch die gleichen drei Merkmale gekennzeichnet sind, die
auch die genannten quantitativen Entwicklungsprozesse auszeichnen, nämlich:
Beschleunigung der Entwicklung - Komplexitätssteigerung und -
Unvorhersehbarkeit.
Soweit die Lage, die ich im Titel dieses Vortrag zusammenfassend - und etwas
pauschal - als Weltkrise bezeichnet habe. Vielleicht ist es notwendig zu betonen,
dass mit diesem Begriff nichts Apokalyptisches gemeint ist; nicht der
Weltuntergang steht an, auch nicht der der Menschheit, sondern für uns Heutige
in den Industriegesellschaften ist erst einmal unser gewohnter Lebensstandard
bedroht, möglicherweise aber auch das Funktionieren unserer sozialstaatlichen
und sonstigen gesellschaftlichen Institutionen.
Immer spürbarer wird aber auch heute schon eine viel tiefer liegende
Veränderung, nämlich ein radikaler, ja epochaler Wandel unseres Verhältnisses
zu der uns umgebenden Natur und zu unserer eigenen Natur. Die Titel der fast
zur gleichen Zeit erschienen Bücher eines amerikanischen und eines deutschen
Wissenschaftsjournalisten haben die Lage bereits treffend ins Auge gefasst: Bill
McKibbens Buch heißt knapp Das Ende der Natur, Claus Kochs Buch trägt den
ebenso bündigen Titel Das Ende der Natürlichkeit. McKibben, meint mit dem
Begriff „Natur“ eigentlich Wildnis. Die Kernaussage seines Buches ist, dass es
von nun an kein beobachtbares Phänomen der uns umgebenden Natur mehr gibt,
das nicht unter dem Verdacht steht oder von dem wir bereits die Gewissheit
haben, dass es von Menschenhand berührt, beeinflusst und verändert worden ist:
die Landschaft, die Pflanzen, die Tiere, das Meer, die Flüsse, das Wetter, selbst
der Himmel, an dem des nachts die Sterne nicht mehr von unseren Satelliten zu
unterscheiden sind. - Claus Koch meint mit der Natürlichkeit, mit der es nun zu
Ende sei, das psycho-kulturelle Korrelat dazu, nämlich die positive Bewertung
und die Gewissheit der grundsätzlichen Natürlichkeit unseres Körpers . Dieser
Vorgang ist meines Erachtens von so grundsätzlicher Art, dass er sich
menschheitsgeschichtlich allenfalls mit dem Übergang der Jäger- und
Sammlerkulturen zu den agrarwirtschaftlichen Hochkulturen beschreiben lässt -
eben ein Epochenwandel.
* * *
Ich komme nun zu meiner zweiten Ausgangsfrage: wie stellt sich diese
Weltkrise aus der Sicht der Psychotherapie dar? Anders formuliert muss diese
Frage natürlich heißen: was ist an dieser Weltkrise psychopathogen, welche
psychischen Störungen müssen wir lernen, auch als Folge der genannten
Entwicklungsprozesse zu sehen? In dieser Allgemeinheit ist die Fragestellung
gar nicht so neu: schon Freud hatte ja unter dem Eindruck der Katastrophe des
Ersten Weltkriegs sein „Unbehagen in der der Kultur“ formuliert. Aber es ist
sehr schwer, differenziertere diagnostische Antworten zu finden. Auch ich kann
hier nur erste allgemeine Hinweise geben. und zwar ausgehend von den drei
Merkmalen heutiger krisenhafter Entwicklungen.
1. die Beschleunigung dieser Prozesse führt zu chronischem Stress,
2. die zunehmende Komplexität verursacht Ohnmachtsgefühle,
3. die Unvorhersehbarkeit und Undurchsichtigkeit macht Angst.
Zur Beschleunigung:
Wer erinnert sich noch an ein Leben vor dem Internet – vor dem Handy – vor
dem Computer – gar vor der Schreibmaschine?
Und wer erinnert sich noch an das Reisen ohne Flugzeug – ohne Auto - gar
ohne Eisenbahn?
Und wer erinnert sich noch an ein Leben im Haushalt ohne Tiefkühler – ohne
Waschmaschine – gar ohne Eisschrank und ohne Dusche?
Und wer erinnert sich noch an ein Leben ohne MP3 – ohne Fernsehen – ohne
Hifi – ohne elektronisch verstärkte Musik - ohne Radio – gar ohne
Plattenspieler?
Ich will sagen, in den letzten hundert Jahren hat zumindest jede Generation eine
neue Technologie hervorgebracht, die unser Alltagsleben entscheidend verändert
hat. Aber in letzter Zeit sind es nicht mehr Generationen, sondern schon
Jahrzehnte, die dazu ausreichen. Außer der Eisenbahn und dem Plattenspieler
und der Schreibmaschine sind alle genannten Technologien erst in den sieben
Jahrzehnten verbreitet, die meine eigene Erinnerung jetzt umfasst. Das hat schon
etwas Atemloses. Denn jeder weiß ja aus der eigenen Erfahrung der Jahrzehnte,
die er oder sie selbst mit erlebt hat, dass jede Innovation mit mehr oder weniger
Stress verbunden war bez. noch ist.
Über die Zusammenhänge aber zwischen Stress und psychosomatischen
Störungen brauche ich an diesem Ort nichts zu sagen.
Und noch etwas anderes bedeutet diese Beschleunigung: je kürzer die Abstände
zu den jeweils neusten der sich durchsetzenden Innovationen ist, desto schneller
versinkt die Vergangenheit im Nebel des nicht mehr Vorstellbaren. Ich erinnere
mich also noch gut an ein Leben, das ohne die meisten Selbstverständlichkeiten
unseres täglichen Lebens heute verlief. Aber ohne Eisenbahn – nein. Ich
erinnere mich an mein Erstaunen, ja meine Begriffsstutzigkeit, als ich nach dem
Krieg Leute auf dem Land traf, die noch nie mit einem Zug gefahren waren, die
noch nie in der Stadt waren.
Selbst dem Literaturkritiker Karl Raddatz unterlief der Lapsus, Goethe eine
Stellungnahme zur Fahrt der ersten Eisenbahn in Deutschland (1835)
zuzuschreiben, die erst drei Jahre nach seinem Tod stattfand.
Die Beschleunigung der technischen Entwicklung beschleunigt auch den
Schwund unserer Vorstellungskraft für vergangene Lebenswelten. Fragt Eure
Kinder, wenn ihr daran zweifelt!
Zur wachsenden Komplexität:.
Wer wollte leugnen, dass wir alle unter der zunehmenden Komplexität unserer
Lebensverhältnisse leiden. Jeder kennt die Beispiele aus dem eigenen Erleben
mit der Bürokratie. Bezeichnend scheint mir, dass fast jede Regierung Abbau
und Vereinfachung der Bürokratie verspricht und ihre Regierungszeit mit einer
Flut von neuen bürokratie-generierenden Gesetzen und Verordnungen
abschließt. Die Politiker sind durchaus willens, sie sehen das Problem- aber sie
können nicht anders. Reduktion von Komplexität ist zu einer Hauptaufgabe von
Politik geworden, an der sie regelmäßig scheitert, weil offenbar jeder Versuch
der Reduktion die Komplexität selbst noch steigert.
Zur Steigerung der Komplexität gehört auch das Wachstum des
Expertenwesens. Aber auch der Laie steht ständig unter dem Druck, sich selbst
zum Experten zu entwickeln – ein Nerven verschleißender, zeitraubender
Prozess. Wer liest die dickleibigen Benutzerhandbücher für die Technik, die wir
doch alltags gebrauchen, also brauchen? Wer kann seinen Videorecorder,
Verzeihung, ich meine seinen DVD-Player fehlerlos bedienen?
Im medizinischen Bereich finden sich besonders viele Beispiele für die
Komplexitätssteigerung, weil hier wie kaum sonst der wissenschaftlich11
technische Fortschritt auf das herkömmliche Ethos eines Berufsstandes stößt.
Am deutlichsten ist das wohl bei der Problematik des ärztlichen Umgangs mit
Sterbenden, seitdem die Medizin über Mittel und Maßnahmen verfügt, die das
Leben über jene Grenzen hinaus verlängern können, die einstmals als
naturgegeben oder gottgewollt erfahren wurden. Die Diskussion über
Patientenverfügungen und Sterbehilfe, die inzwischen mit großer Anteilnahme
der Bevölkerung geführt wird, zeigt, dass heute neben die wohl untrennbar mit
der Natur des Lebens verbundene Angst vor dem Sterben eine Angst vor dem
Nicht-Sterben-Können bez. Nicht-Sterben-Dürfen getreten ist. Diese
Komplexitätssteigerung wirft unausweichlich Grundfragen von Autonomie und
Fremdbestimmung auf, bei denen ganze Menschenbilder auf dem Spiel stehen.
Auch hier haben wir es mit einer Entwicklung zu tun, die den Kipp-Punkt
bereits überschritten hat Die neue Qualität erweist sich zuerst in der enorm
gesteigerten Unsicherheit darüber, wie zu verfahren ist, und in dem chaotischen
Nebeneinander unterschiedlichster Positionen und Praktiken in einer zentralen
Frage unserer Existenz.
Nicht alle Komplexitätssteigerungen sind aber auf technisch-wissenschaftliche
Entwicklungen zurück zu führen. Im Privatleben dürften die beiden
Hauptbeispiele aus der Familie stammen, nämlich Ehe und Kindererziehung.
Über jedes dieser Themen sind bereits ganze Bibliotheken von Büchern
geschrieben worden und jedes Jahr kommen weitere dazu – ein typisches
Symptom für eine hochgradige Steigerung von Komplexität!
In aller Kürze und pauschal gesagt sind die Gründe für diese Entwicklung in den
vergleichsweise sehr hohen Anforderungen zu suchen, die moderne
Gesellschaften an die innere Autonomie ihrer Menschen stellen. Die wichtigste
Voraussetzung für die Erfüllung dieser gesellschaftlichen Rollenerwartungen,
wie man soziologisch auch sagen könnte, ist eine überaus vielgestaltige und
subtile Ausdifferenzierung der Subjektivität jedes Einzelnen. Daraus entstehen
unzählige Anpassungsprobleme, die schließlich zur Struktur der Sache selbst zu
gehören scheinen: jeder Mensch hat heute Beziehungsprobleme, und wenn
nicht, wird genau das zum Problem. Jedes Kind heute zeigt
Verhaltensauffälligkeiten, und wenn nicht, gibt das Anlass zur Sorge.
Ein Heer von mehr oder weniger professionellen Helfern aus Pädagogik und
Sozialarbeit, aus Medizin und Psychologie steht zur Verfügung, sich dieser
Sorgen und Probleme anzunehmen – und trägt gleichzeitig dazu bei, sie zu
vermehren. Man muss ja nicht gleich mit Karl Krauss meinen, die
Psychoanalyse sei die Krankheit, die sie zu heilen vorgäbe. Aber ähnlich einem
alten Anthropologenwitz, nach welchem die typische Familie der Hopi-Indianer
aus Großeltern, Eltern, Kindern und zwei Ethnologen besteht gehören zur
Familie in modernen Gesellschaften strukturell die jeweils gerade tätigen und
die potentiell zur Verfügung stehenden Helfer aller Art. Was früher normales
Ehejoch war, ist heute ein Partnerbeziehungsproblem, ausdifferenziert nach den
Bereichen Sexualität, Emotionalität, Kommunikation, Geschlechterrollen-
Verteilung, Kindererziehung und Arbeitszufriedenheit.
So werden – oft mit unserer tätigen Mithilfe – aus Lebensbereichen
Problembereiche oder Baustellen, wie man jetzt gern sagt. Zur katastrophischen
Kultur, in der wir leben, gehört auch der Baustellen-Charakter unsere
Beziehungswelt: kaum sind die Häuser und Wohnungen fertig, beginnen sie
wieder zu bröckeln, bedürfen der Renovierung, oder stürzen gleich ganz wieder
ein, so dass neue Baustellen eröffnet werden bez. das Gewicht auf die
vorsichtshalber errichteten Nebenbaustellen verlagert wird.
So wird also das Leben immer unvorhersehbarer und undurchsichtiger. Nun war
es freilich zu jeder historischen Epoche eine Illusion, dass das Leben planbar
sei. Nur haben Illusionen ja eine Wirkmächtigkeit, die nie unterschätzt werden
darf. Im Rückblick glaube ich, dass die Vorstellung, man könne sein
Berufsleben und sein Privatleben einigermaßen voraussehen und planen, in den
vier Jahrzehnten zwischen der wirtschaftlichen Stabilisierung nach dem Krieg
und dem Zusammenbruch des Ostblocks besonders stark verbreitet war.
Wir haben mit der einzigen Ausnahme der Balkankriege eine unglaublich lange,
historisch nie dagewesene Periode des Friedens in Europa erleben dürfen, die
diese Illusion gestärkt hat. Für alle in Europa, die heute unter fünfzig Jahre alt
sind, ist trotz aller Konjunkturschwankungen wirtschaftliche Stabilität in
Frieden eine Selbstverständlichkeit, auf deren Hintergrund alle Katastrophenund
Krisenszenarien abstrakt bleiben. In den letzten zwei Jahrzehnten aber
bröckelt es nun, die Illusion verblasst, aber es gibt keine andere Orientierung,
die sie ersetzen könnte. Die neu ausgerufenen Tugenden der Flexibilität
bedeuten nur den Dauerstress ständiger Abruf- und Umbaubereitschaft. Wir
tappen zunehmend im Dunkeln – und das macht Angst.
* * *
Der Epochenwandel löst also Stress - Ohnmachtsgefühle - und Angst aus.
Diese negativen emotionalen Erfahrungen werden neurotisch kompensiert
entweder durch
1. Unteranpassung, d. h. eine Art psychische Verweigerung,
oder zweitens durch
2. Überanpassung, d. h. durch den misslingenden Versuch, mit der eigenen
Kraft die gesellschaftlichen Verhältnisse zu überholen, oder drittens durch
3. Vermeidungsstrategien, also Flucht in scheinbar von den Entwicklungen
unberührte Zonen.
Wir werden es also bei uns und bei unseren Patienten und Klienten mit drei
verschiedenen Gruppen von neurotischen Verhaltensweisen zu tun haben oder
noch bekommen. Natürlich will ich damit jetzt nicht behaupten, dass alle
neurotischen und psychiatrisch relevanten Störungen ihre Ursachen
ausschließlich oder auch nur überwiegend denjenigen gesellschaftlichen
Umständen zu verdanken haben, die ich hier kurz skizziert habe. Aber diese sind
doch der bleibende, prägende, und tief ins Unbewusste wirkende Hintergrund
aller weiteren Ursachenzusammenhänge, insbesondere auch die der familiären
Herkunft und die der anderen rein biografischen Faktoren.
Die erste Gruppe sind die Unterangepassten. Da gibt es einmal jene, bei denen
der Körper streikt, nicht mehr mitmachen will, sich weiteren Anpassungen
verweigert. Stress im weitesten Sinn des Wortes verursacht eine Fülle von
psychosomatischen Störungen und Erkrankungen. - Weiters löst die wachsende
Komplexität unserer Lebensbezüge Gefühle von Resignation aus und eine
Neigung zu depressiven Prozessen, eventuell wechselnd mit Anfällen zielloser
Wut. Bei Jugendlichen wird die allgemeine Perspektivlosigkeit leicht zu
soziopathischen Prozessen führen, die sich in Vandalismus und Gewalttätigkeit
ausdrücken. Die Undurchschaubarkeit der qualitativen Entwicklungssprünge
schließlich mag zu depressiver Resignation und Apathie führen, kann sich aber
eben gut bei denjenigen, die über mehr frei flottierende Energie verfügen, in
Angstneurosen und paranoischen Vorstellungen ausdrücken. All diese
neurotischen Reaktionen sind aber im Grunde genommen individuelle, einsame
und misslingende Rebellionen gegen ein sozio-kulturelles Umfeld, in dem die
Unterscheidung von Normalität und Wahnsinn immer mehr an Plausibilität
verliert. Zu Recht hatten Fritz Perls und Paul Goodman Neurosen als
Notfallreaktionen auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen verstanden.
Dann gibt die nicht minder neurotischen Versuche der Überanpassung an die
ständig wechselnden Anforderungen der kastrophischen Kultur. Dazu zähle ich
den überdrehten „Workoholismus“ derer, die noch Arbeit haben, die ihnen
sinnvoll erscheint. Bezeichnend für diese fehlgeleiteten Anpassungsversuche
scheint mir aber vor allem aber die verbreitete emotionale Blindheit für alles,
was nicht wenigstens potentiell als eigenes Selbst erlebt werden kann: der von
den gesellschaftlichen Verhältnissen geförderte Narzissmus ist der der oft bis
zum eigenen Untergang vorangetriebene Versuch, mit rein individuellen Mitteln
den Überblick und die Kontrolle über die immer undurchschaubarer werdenden
Systemzusammenhänge zu behalten. Die Ahnung vom unausweichlichen
Scheitern dieses Versuch wird dann zum Motor der anders kaum verständlichen
Raffgier, die offenbar alle Eliten inzwischen ergriffen hat, jedenfalls diejenigen
unter ihnen, die glauben, dass einzig Geld äußere und innere Sicherheit bieten
könnten.
Es ist die Identifikation mit dem Aggressor, die nach der unvermindert gültigen
Analyse von Perls und Goodman zu jener „Selbstvergewaltigung „ führt, die
sich heute, im Vorfeld der Kipp-Punkte zahlreicher krisenhafter Entwicklungen
in den beiden psychischen Hauptstörungen unserer Zeit manifestiert -
Depression und Narzissmus.
Schließlich gibt es drittens zahlreiche Vermeidungsstrategien, mit denen
Menschen versuchen, dem Stress, der Hetze, dem Gefühl, nichts tun zu können,
und der unbestimmten Angst zu entgehen. Mit diesem Begriff meine ich alle
Verhaltensweisen, die geeignet sind, unsre Bewusstsein so einzutrüben, dass wir
die aktuellen wie die anstehenden Gefährdungen unseres Lebens durch
krisenhafte Entwicklungsprozesse nicht mehr so wahrnehmen, wie es unserer
Intelligenz und unserem erreichbaren Kenntnisstand entspricht..
Jeder kennt solche Strategien von sich selbst – und soweit sie unseren
Erholungs- Regenerationsbedürfnissen dienen, sind sie gesund und sie tragen zu
unserem seelischen Gleichgewicht bei.
• Ein guter Schlaf ist überlebenswichtig,
• Abschalten und innehalten Können ist hilfreich,
• Loslassen oft notwendig,
• Erholung und Ausspannen helfen uns dabei, danach wieder mit vollem
Gewahrsein aktiv zu werden,
• ja sogar Muße und Müßiggang haben im Zeitalter der Geschwindigkeit
und Beschleunigung einen Wert an sich.
Aber es gibt eine feine Grenze, jenseits der alle diese guten und notwendigen
Verhaltensweisen nicht mehr coping strategies sondern Vermeidungen bez.
Verdrängungen sind. Der moderne gestalttherapeutische Begriff der
Verdrängung bezeichnet nicht mehr wie bei Freud die Verschiebung von
Unangenehmen in die black box des Unbewussten, sondern die Tätigkeit der
Vermeidung und Unterdrückung der Erinnerung an unlustvolle
oder bedrohliche Erfahrungen und Tatsachen. Worin diese Tätigkeit jeweils
besteht, muss im Einzelfall beobachtet und geprüft werden. Vieles geschieht hier
sicherlich einfach aus Gewohnheiten, die sich aus Bequemlichkeit und Mangel
an Gewahrsein einschleichen, und die - ohne dass wir es so ganz merken würden
- den allgemeinen Gedächnis-Schwund unterstützen.
Eine besonders gefährliche Grenze wird aber überschritten, wenn die Coping-
Strategien Suchtcharakter bekommen. Ich denke, es ist an diesem Ort nicht
notwendig, das weitläufige Gebiet des Suchtverhaltens zu betreten. Jeder von
uns kennt ja seine eigenen Suchttendenzen. // Aber Sucht ist auch einer der
Begriffe, die in Gefahr sind, inflationär benutzt zu werden. Deshalb: was ich
hier unter Sucht verstehe ist eine gewohnheitsmäßig selbst herbeigeführte
Veränderung der Neurotransmitter, die die Selbstorganisationskräfte des
menschlichen Organismus unterhöhlen. Diese Veränderung kann durch Zufuhr
von Drogen oder durch Gewöhnung und Einübung bestimmter Verhaltensweisen
herbei geführt werden. Das heißt einerseits: auch legale Drogen wie
Alkohol oder Zucker und normale Verhaltensweisen wie Fernsehen oder Sport-
Treiben können zur Sucht führen, und andererseits: nicht jeder Rausch ist
schon Teil einer Sucht, und nicht jedes verbotene Rauschmittel macht süchtig.
Auf die Selbstorganisation des Organismus und des Organismus/Umwelt-Feldes
zu bauen ist natürlich ein Grundprinzip der Gestalttherapie. Dass die
Psychotherapie insgesamt besonders wenige Erfolge bei der Therapie von
Süchten zu verzeichnen hat. hängt damit zusammen, dass der Gebrauch süchtig
machender Stoffe (selbst da, wo sie illegal sind) sowie die Verbreitung
suchterzeugender Verhaltensweisen ein inhärenter Bestandteil unserer Kultur ist
und damit die mit Suchtpatienten arbeitenden Therapeuten mehr und
offensichtlicher noch als andere gegen einen Grundcharakterzug der
Gesellschaft ankämpfen müssen. Diese Gesellschaft – nicht vergessen: das sind
wir! – produziert Angst und damit zugleich das wirksamste Mittel zu ihrer
Betäubung: die Sucht. „Samma krank?“ – Aber gewiss doch, die allermeisten
schon.
* * *
Ich komme nun zu meiner dritten und letzten Ausgangsfrage, nämlich welchen
Beitrag besonders die Gestalttherapie zur Bewältigung der anstehenden
Aufgaben leisten kann. Die Frage klingt angesichts der Größe des Themas
„Weltkrise“ etwas vermessen. Gewiss, wir sitzen - meist allein - in unserer
Praxis unseren Patienten gegenüber, in deren großen und kleinen Leiden nur
selten der umfassendere, gesellschaftliche Hintergrund durchscheint.
Andererseits wissen wir aber gerade als Gestalttherapeuten auch, dass alle
Störungen ihre Ursachen im Hintergrund der Figur / Grund – Prozesse haben,
und die Symptome, mit denen die Patienten zu uns kommen, die Folgen der
Schwächung von Ich-Funktionen sind, die der Organismus für den Prozess der
Gestaltbildung braucht.
Ich meine, dass gerade ein Jubiläum, wie es heute hier gefeiert wird, ein
besonders guter Anlass ist, sich erneut auf unsere Kräfte zu besinnen, und uns
der Frage zu stellen, welchen wie immer auch bescheidenen Beitrag das
Menschenbild der Gestalttherapie und die gestalttherapeutische Praxis zum
kreativen Umgang mit den krisenhaften Entwicklungen unserer Welt schon
leistet und in Zukunft noch leisten könnte.
Als erstes: der notwendige Rückblick. Beginnen wir mit der Beobachtung; dass
unser Begriff und unsere Erfahrung von Natürlichkeit obsolet geworden sind.
Geistesgeschichtlich gesehen gehört die Gestalttherapie zu den gegenkulturellen
Strömungen und Bewegungen, die in Schüben und Sprüngen seit der
Romantik den fortschreitenden, immer stärker technologisch gesteuerten
Modernisierungsprozess begleitet haben. Von Rousseau bis Herbert Marcuse,
von der Wartburg bis 1968,von Turnvater Jahn bis zu den Grünen, von der
Psychoanalyse bis zur Gestalttherapie hat es eine Fülle von - zwischen
konservativ und progressiv oszillierenden - Bewegungen gegeben, die bei all
ihrer Unterschiedlichkeit doch eines gemeinsam haben, nämlich ihre positive
Betonung der Natürlichkeit und ihre Skepsis gegenüber Technik und
Zivilisation. Im Rückblick aus unserer hoch technisierten Welt klingt
Rousseaus Ruf „Zurück zur Natur!“ kindlich und naiv. Schon hundert Jahre
nach ihm war die Mechanisierung der Welt so weit fortgeschritten, dass es
bereits schwer wurde, „unberührte Natur“ zu finden: eine Zeitlang hielt sich
noch der Mythos von der unberührten Bergwelt, der heute nur noch nachklingt
in den Schlagern, die über die Ski-Pisten hallen, dann zog sich „Mutter Natur“
in die exotischen Wildnisse der Dritten Welt zurück, wo sie nun unter dem
Label „bedroht“ ein vorübergehend noch behütetes Dasein fristet.
An die Stelle der „unberührten Natur“ ist schon im 19. Jahrhundert der Körper
getreten. Dessen Natürlichkeit galt es gegenüber den zivilisatorischen Exzessen
der viktorianischen Zeit wiederherzustellen und zu feiern. Das hat dann im
20igsten Jahrhundert zur Entstehung von Körpertherapien geführt, zu denen
manche auch die Gestalttherapie zählen, und die nun einen Gegenpol zur
weiteren Technisierung der Medizin bilden. Das war und ist sicherlich ein
großer Schritt in Richtung Erhaltung und Wiedergewinnung der
Ganzheitlichkeit unserer Welt-Erfahrung. Aus der Kultivierung des Körpers
wird allerdings rasch ein Körperkult, wie wir ihn in ideologischer Form aus dem
Faschismus kennen, und wie er gegenwärtig als Reaktion auf die
zivilisatorische Bedrohung der Geschlechtsidentitäten von Vertretern beider
Geschlechter mit Hilfe der Medien zelebriert wird.
Diese Entwicklungen sind durch und durch ambivalent: es stellt sich heraus,
dass die schon im 18. Jahrhundert gemachte Erfahrung, dass der menschliche
Körper zum Zweck der militärischen und wirtschaftlichen Leistungssteigerung
durch Disziplinierung, Zucht und Exerzitien zugerichtet werden kann, heute
durch wissenschaftlich angeleitete Maßnahmen noch so optimiert werden
konnte, das er sich durch seine Perfektionierung gewissermaßen selbst abschafft.
Die Wiederbelebung des Körpers, die als Gegenzug zu dessen zivilisatorischer
Zurichtung gemeint war, droht nun umzuschlagen in eine Perfektionierung des
Körpers, die ihn immer maschinenähnlicher macht. Die Gestalttherapie tut gut
daran, in dieser ambivalenten Entwicklung eine radikale Mitte einzuhalten, die
konsequent auf Lebendigkeit setzt, ohne jedoch zu vergessen, dass der Mensch
als Kulturwesen auch immer schon einen Bruch mit der Natur darstellt.
Ihr seht schon – es geht um das Menschenbild der Gestalttherapie – auch unser
Menschenbild steht jetzt auf dem Prüfstand: Stellen wir uns zu sehr auf die
Seite der Natur, werden unsere Therapien zu Ferieninseln der Erholung vom
Zivilisationsdruck, die, besonders bei wirtschaftlicher Krise, zu Wellness-
Reservaten für die Wohlhabenden mutieren könnten. Überlassen wir die
Technisierung unserer Körper durch Training und Medizin unkommentiert - und
ohne ihr das Gewahrsein unserer Körperarbeit entgegen zu setzen - ihrem
Wildwuchs, verlieren wir unseren Standort an der Seite des Lebens und der
Lebendigkeit.
Ich glaube, dass wir als Gestalttherapeuten angesichts der dramatischen
Entwicklungen in den Biowissenschaften unsere Einstellungen zu Geburt und
Tod, zum Zeugen, Empfangen und Gebären sowie Kranksein und Sterben einer
ständige Überprüfung unterziehen müssen. Das kann aber nur in gemeinsamem
Gespräch erfolgen. Und dieses Gespräch, diese Auseinandersetzung, fehlt uns
noch, sie ist noch gar nicht in Angriff genommen, und w woran wir jetzt
arbeiten sollten, womit wir auch in die Öffentlichkeit gehen müssen - statt uns
in den unproduktiven Streitigkeiten über Differenzen zu verzetteln., die doch -
gemessen an dem, was ansteht – verzeiht: wirklich banal sind.
Noch einen anderen problematischen Grundzug der gegenkulturellen
Bewegungen möchte ich hier kritisch ins Auge fassen: die Betonung von
Authentizität, In ihrem Namen rebellierte die in Bewegung geratene Bohème
schon in der Epoche vor dem Ersten Weltkrieg mit Wanderbewegung, neuer
lockerer Kleidung, Freikörperkultur und ersten Rauschgiftexperimenten gegen
die steif-kragige Überzivilisierung des Bürgertums. Achtzig Jahre später wurde
die Forderung nach authentischem Verhalten, authentischem Leben,
authentischer Kultur, authentischer Musik zum Signum jugendlicher
Protestbewegungen - und in deren Schatten - oder in derem Licht- kam auch die
Geestalttherapie von Kalifornien bis in die Steiermark.
Sie übernahm rasch die Forderung nach Authentizität, die schopn für Fritz Perls
in seinen kalifornischen Jahren ein wichtiger Begriff war. Man wollte sich
befreien vom Muff der Nachkriegsgesellschaft, dessen moralische
Doppelzüngigkeit und Rigidität übrigens von späteren Generationen kaum noch
richtig nachvollzogen werden konnte. Authentizität hieß in der Gestalttherapie
damals ein unverstelltes Verhältnis zu seinen eigenen Bedürfnissen und eine
Tendenz zu zivilisatorisch ungehemmten emotionalen Ausdruck. Ich erinnere
mich noch gut an diese Zeit: ich habe den Elan der Achtundsechziger
Generation, zu ich nicht mehr gehörte, als ungeheuer befreiend erlebt und fand
zunächst, dass er in der Gestalttherapie die mir gemäße Form gefunden hatte.
Aber zu meiner Begeisterung gesellte sich bald ein Unbehagen, von dem ich
zunächst nicht wusste, ob es der Macht meiner bürgerlichen Introjekte
geschuldet war, die doch von Perls als Kern aller Neurosen gesehen wurden,
oder doch eher dem Verlust bestimmter zivilisatorischer Tugenden (vgl. Helmuth
Plessner, Grenzen der Gemeinschaft, 1924, 2002) wie
- die Wertschätzung von Distanz,
- ein Gefühl für Takt oder
- der Sinn für das Spielerische im Umgang mit sozialen Rollen.
Aus der Perspektive der Authentizitätsnorm konnten diese Tugenden nur als
Ausdruck von Entfremdung gedeutet werden Das hielt und halte ich für
ungenügend..
Inzwischen aber haben wir es mit einer völlig veränderten Situation zu tun. Die
gegenkulturelle Welle verebbte gegen Ende der Siebziger Jahre. Die Apologeten
des konservativen Backlash in den Achziger Jahren hatten es leicht, darauf zu
verweisen, dass die latente Gewaltbereitschaft der 68iger sich bei einigen
wenigen zum Terrorismus auskristallisierte, während ein anderer Teil dieser
Generation sich in eine apolitische Welt innerer Sinnsuche zurückzog – beides
konnte die herrschende Kultur nicht mehr berühren, die unter der Decke der
langsam alles durchdringenden political correctness allmählich ihren Biss
verlor.
In der Gestalttherapie entwickelte sich damals eine kritische Diskussion über
die Sünden der ersten Generation von Gestalttherapeuten - die notwendig war;
aber zugleich breitete sich eine neue Ängstlichkeit im Umgang miteinander aus.
Der alte unmittelbare Zugang zum Patienten, oft heilsam provokativ, wurde als
zu konfrontativ empfunden, und kreative Kritik, die auch Negatives impliziert,
wurde und wird zunehmend mit dem Ruf „Verletzung“ abgewehrt oder als
„mangelnde Wertschätzung“ denunziert. Auf schleichende Weise wurde aus der
Forderung nach Authentizität die Forderung nach Politischer – vielleicht sich
sagen: psychologischer - Korrektheit. Kritisch gesagt hat die Gestalttherapie in
den letzten dreißig Jahren eine Entwicklung vom offenen Druck zum
emotionalen Stripptease zum sanften Druck zur emotionalen Kuschelei
durchgemacht.
Der in dieser Zeitspanne zu beobachtende Rückgang der Gruppentherapie
zugunsten von Einzeltherapie hat auch damit zu tun, dass Gestaltgruppen heute
eher als lauwarmer Ersatz für die nicht mehr funktionierende Familie erlebt
werden, denn als Schauplatz emanzipatorischer Erfahrungen mit
Autonomiegewinn. Zu dieser Entwicklung trägt auch die Neigung bei,
Gestalttherapiegruppen mit esoterischem Spielzeug aufzurüsten, sowie die
wachsende Beliebtheit von Familienaufstellungen. Ein positiver Gewinn dieser
Jahre ist dass sich unsere Theorie sehr viel weiter entwickelt hat, und dass sich
unsere Praxis inzwischen auch kompetent den sogenannten „Frühen Störungen“
angenommen hat, die zunächst völlig vernachlässigten worden waren.
Wiederum ist die Gestalttherapie gut beraten, wenn sie sich in dieser Situation
auf eine radikale Mitte konzentrieren würde, dieses Mal zwischen zwischen
dem Authentizitätskult der frühen Jahre und der Politischen Korrektheit der
späteren.
Die Mitte halten heißt: ein besonnener, heiterer, kreativer Umgang mit den
bewährten gestalttherapeutischen Techniken, der getragen ist von liebevoller
Einfühlung in die individuelle Situation der Patienten UND zugleich einem
geschärften, kenntnisreichen Durchblick auf die krisenhaften
Entwicklungsprozesse, denen sie und wir unterworfen sind und die heute
zunehmend den schattenhaften Hintergrund aller psychischen Störungen bilden.
Die Begründer der Gestalttherapie waren davon überzeugt, dass es die
gesellschaftlichen Verhältnisse sind, die uns krank machen, und dass deshalb
jede Therapie auch kreative Potentiale freisetzen müsste, die sich dem
Krankmachenden an diesen Verhältnissen widersetzen würden. Ohne
Gesellschaftsanalyse kann es kein zureichendes Verständnis von Psychotherapie
geben.
* * * * * *
Aus dieser radikalen Mitte heraus hat unsere gestalttherapeutische Arbeit ein
besonderes Potential zur Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens in den
Katarakten der krisenhaften Entwicklungen, die jetzt allmählich immer heftiger
werden. Das heißt im einzelnen:
Creative Adjustment – schöpferische Anpassung – ist der Schlüsselbegriff,
mit dem Perls und Goodman die Leistung des voll entfalteten Selbst
im Kontaktprozess mit den jeweiligen Umwelten bezeichnet haben. Die
schöpferische Anpassung ist etwas anderes als die bloße Wiederherstellung der
Arbeitskraft im Dienste entfremdender gesellschaftlicher Systeme. Hier liegt das
Politische Potential der Gestalttherapie, hier unterscheiden wir uns eben auch
politisch - z. B. von der Verhaltenstherapie.
Gewiss, wir haben es in der Praxis der therapeutischen Arbeit zunächst einmal
mit der Wiederbelebung der Ich-Funktionen zu tun, die dem zurande Kommen,
dem Coping, mit den alltäglichen Aufgaben der Lebensführung dienen. Aber
gerade im Alltäglichen unserer Beziehungen und unserer Arbeitswelt schlägt das
übergreifende Ganze gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse ja zu Buche! Und
es gehört meines Erachtens auch zur Gestalttherapie, bei unseren Patienten und
Klienten das Gewahrsein für diesen Tatbestand zu wecken und zu fördern.
Gegen den Stress der Geschwindigkeit und Beschleunigung hilft die
Verlangsamung, die eine automatische Folge eines geschärften Gewahrseins für
das Hier und Jetzt unseres Erlebens und besonders unseres Fühlens ist. Es hat
viel berechtigte Kritik an einem zu simplen Verständnis eines Lebens im Hier
und Jetzt gegeben. Dennoch ist die Rückbesinnung auf dieses Grundprinzip
unserer Arbeit sehr wichtig als Korrektiv gegenüber unserer Tendenz, uns in
Erinnerungen und Zukunftsphantasien zu verlieren oder in Betäubungen zu
flüchten. Es ist auch nicht so, dass es wie einige Autoren behaupten, das Hier
und jetzt, den Augenblick, gar nicht gäbe. Es geht hier ja nicht um den
unendlich kleinen Punkt einer physikalischen Zeitlinie, sondern um unser
Erleben von Zeit. Dem berühmten Erforscher der frühen Kindheit, Daniel Stern,
ist es jetzt gelungen, eine präzise phänomenologische Analyse des
„Gegenwartsmoments“ vorzulegen, in der er unser Erleben von solcher
Momente empirisch belegen kann. Ich empfehle die Lektüre des gleichnamigen
Buches, weil es eine wissenschaftliche Untermauerung eines unser wichtigsten
Arbeitskonzepte liefert, und weil sich seine Versuchsanordnung auch vorzüglich
für Gestalt-Experimente zur Schärfung des Gegenwartsbewusstseins eignet.
(Daniel Stern, The Present Moment, dt. Der Gegenwartsmoment, 2007).In der Therapie sind
jedenfalls die Betonung des Hier und Jetzt des Erlebens und die Betonung der
Verlangsamung zwei Interventionsstrategien, die einander verstärken, die beide
gebraucht werden.
Gegen die Raffgier hilft das Gewahrseins der Sättigung, des genug Habens -
und das Zulassen der Freude am gewonnen und am uns Geschenkten, zuförderst
unseres eigenen Lebens. Im übrigen stärkt ein geschärftes Gefühl für unsere
jeweilige Einzigartigkeit das Selbstwertgefühl und damit die Einsicht, wie
unheilvoll unsere Neigung ist, uns ständig mit anderen zu vergleichen.
Gegen die Ohnmachtsgefühle angesichts der Komplexität der Verhältnisse setzt
die Gestalttherapie vor allem auf die Wiederbelebung der Sinne und der
Gefühle. In einer der wenigen gehaltvollen Untersuchungen des Verhältnisses
von Gestalttherapie und Politik sagt Kathleen Höll es so: „Heute ist das
Arbeiten an den subjektiven Befindlichkeiten einzelner und von Gruppen
sinnvoll in der Weise, dass diese als Potential eines umfassenden Begreifens
dessen, was vor sich geht, zum Zuge kommen können. ….Sinnliche
Wahrnehmung und Gefühle sind weit sicherere Sensoren für den Zustand des
umgebenden, meist sehr komplexen Feldes, als es das bloße logische Kalkül je
sein kann. Die Gefühle der Menschen sagen etwas aus über das, was in dieser
Welt vor sich geht.“
(Kathleen Höll, Bemerkungen zum demokratischen Potential der Gestalttherapie, in: Neue Entwicklungen der integrativen Gestalttherapie, hrsg. von R. Hutterer-Kriesch, I. Luif, G.Baumgartner, 1999, S.
275)
Es ist doch so, dass der Gestaltbildungsprozess als solcher bereits eine
Reduktion von Komplexität darstellt, denn er erreicht nur dann jenen Grad von
leuchtender Prägnanz und Energie,
- den Perls und Goodman für das Signum psychischer Gesundheit hielten,
wenn er die Hintergrundsdaten durch Weglassen und Prioritätensetzung
übersichtlich und plausibel organisiert.
Das ist ohne den Rekurs auf die verschütteten Gefühle nicht möglich. Und auch
nicht ohne die Überwindung der so häufig anzutreffende Schwierigkeit, Nein zu
sagen: NEIN zu unseren Selbstüberforderungen, NEIN zu den subtilen
Ausbeutungen durch unsere Nächsten, wie auch NEIN zu den zahllosen
unnötigen Zumutungen von Seiten staatlicher Agenturen, und NEIN zu den
überflüssigen Konsumangeboten – denn es ist wahr: small is beautiful und
weniger ist oft mehr – wenn wir denn nur genau hinschauen.
Und schließlich: gegen die Angst vor dem Unvorhersehbaren helfen Neugier
und Zorn. In einem wunderbaren Aufsatz über „Curiosity“ hat Vincent Miller,
der Leiter des Bostoner Gestaltinstituts, gemeint, dass in der Gestalttherapie die
Neugier den Stellenwert einnimmt, den in der Psychoanalyse der Begriff der
Libido hat. Leider ist das deutsche Wort für Curiosity in seiner Verbindung mit
dem Wort Gier schon semantisch negativ besetzt, so als sei das Verbot gleich
mit in den Begriff eingeflossen. Ein alter Witz über die Schweizer, der wohl
ebenso gut in Tirol spielen könnte, erzählt von einem Bauern im Berner
Oberland, der mit seinem kleinen Sohn spazieren geht, und auf dessen Frage
„Vater, gibt es jenseits der Berge auch Menschen?, nach langem Nachdenken
antwortet „Junge, stell nicht so metaphysische Fragen! In der Gestalttherapie ist
das Fragen eine Ich-Funktion, die oft erst wiederbelebt werden muss. Dabei
gehört das Fragen von Anbeginn unseres Lebens konstitutionell zu uns
Menschen: Was ist hinter den Bergen? Was ist hinter demVorhang? Gibt es
außer uns noch andere? Und wer sind sie und wie sind sie? Woher kommen sie?
Woher kommen wir? Neugier ist unsere ursprünglichste Triebkraft , unsere
Libido. Wer sich seine Neugier bewahrt, kann nicht depressiv sein; wer
interessiert ist, bleibt lebendig. Das gilt auch für die Neugier auf die
Kuriositäten, die uns die krisenhaften Entwicklungsprozesse noch bescheren
werden.
Das andere Hilfsmittel gegen die Angst vor den unvorhersehbaren
Auswirkungen katastrophischer Entwicklungsprozesse ist der kreative Zorn.
Ich habe festgestellt, zunächst am eigenen Leibe als ich vor zwanzig Jahren
mich zum ersten Mal mit diesen Entwicklungen befasst habe, dass eine
intensive, aber rein rezeptive Beschäftigung mit ihnen krank macht. -
Ich habe dann aber auch festgestellt, dass diejenigen, die sich aktiv an der
Bekämpfung und kreativen Kursänderung dieser Entwicklungsprozesse
beteiligen, durchweg weniger depressiv, ja glücklicher sind, obwohl gerade sie
sich der katastrophischen Natur dieser Prozesse mehr als alle anderen bewusst
sind. Der Schlüssel dafür ist, dass es ihnen durch ihre Tätigkeit gelingt, ihre
ungerichtete und daher dumpf-ohnmächtige Wut in einen kreativen Zorn zu
verwandeln, der die Energien wieder frei setzt und dem Leben einen neuen Sinn
verleiht. Sich zu engagieren macht gesund!
Die Gestalttherapie hat einen sehr positiven Begriff von Aggression. Die immer
wieder gemachten Versuche, diesem Aggressionsbegriff den Zahn zu ziehen,
ihm seinen Biss zu nehmen, indem man z. B. negative von positiven
Aggressionen säuberlich unterscheiden will, wie es zuletzt Hilarion Petzold mit
seinem Versuch getan hat, den englischen Begriff assertion als Assertion ins
Deutsche einzuführen, diese Versuche vergessen vor allem eine wichtige
Erkenntnis der gestalttherapeutischen Aggressionstheorie: dass nämlich die
Unterdrückung aggressiver Impulse eine wesentliche Quelle von Gewalt ist. Der
Mann, der seine Frau schlägt, ist in aller Regel ein emotionaler Analphabet und
seiner Frau semantisch hoffnungslos unterlegen. Die Therapie der
Aggressionshemmungen beginnt mit der Arbeit an der Unfähigkeit, Nein zu
sagen. Oft ist sie damit sogar schon getan. Es bedarf keines Ausagierens von
Wutausbrüchen in der Therapie - auch wenn dies manchmal den Patienten zu
dem Aha-Erlebnis verhilft, wie viel ungeahnte Energie sie haben. Goodman
sieht in der Aggression drei Ich-Funktionen am Werk, die konstitutionell zu
jedem Kontaktprozess gehören: das Anpacken der Aufgabe (initiative), die
Destrukturierung der vorgefundenen Gestalt, (destruction), und die Beseitigung
der störenden oder hemmenden Faktoren im Feld (annihilation). Und natürlich
können sich die aggressiven Ich-Funktionen sowohl senso-motorisch oder als
auch intellektuell manifestieren.
Dieses Konzept gibt der Gestalttherapie ein einzigartiges Instrument zur
punktgenauen Bearbeitung von Aggressionsstörungen an die Hand, wobei das
Hauptaugenmerk auch hier natürlich wieder auf der Steigerung des Gewahrseins
für sich selbst und für das Gegenüber liegen muss. Wenn diese Arbeit gelingt,
wird es weder zu Gewaltausbrüchen noch zu depressiven Prozessen kommen.
Nur eines fehlt mir in diesem Konzept: es gibt auch das Scheitern aller
Bemühungen, selbst wenn alle psychischen und intellektuellen Kräfte
mobilisiert worden sind. Die Gestalttherapie hat von vornherein einen blinden
Fleck gehabt, indem sie das Wesen des Lebendigen allein im Wachstum gesehen
und dessen andere Seite, das Verwelken, Vergehen, Schrumpfen und Sterben
ausgeblendet hat. Aber beide Seiten gehören zusammen, sie definieren
gemeinsam, was Leben ist. Und das gilt genauso wie für jeden individuellen
Lebenslauf im Ganzen auch für jeden Kontaktprozess im Einzelnen. Selbst
wenn wir alle unsere Potentiale verwirklichen können, gelingt uns nicht alles im
Leben, und so kann auch jeder Kontaktprozess im Kleinen auch bei Einsatz aller
Kräfte scheitern. In der Therapie müssen die daraus entstehenden Frustrationen
als das bearbeitet werden, was sie sind: Symptome einer narzisstischen
Grandiosität, die nicht loslassen kann, die sich nicht bescheiden will, die keine
Demut kennt, die unfähig ist zur Hingabe.
Ich sehe nicht, dass eine solche Perspektive unserer Grundhaltung etwas nimmt,
auf das Leben. die Lebendigkeit und das Gewahrsein zu setzen. Im Gegenteil
kommen diese Werte erst so zu ihrer vollen Gestalt.
(( Auf der letzten Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gestalttherapie haben
sich zwei ihrer bekanntesten Vertreter dergestalt geäußert: Bertram Müller
sagte: „Die Gestalttherapie ist die Therapie des 21igsten Jahrhunderts!“ und
Willi Butollo sagte „Die Gestalttherapie ist die beste aller Therapien – fragt sich
nur für wem.“ Ich fürchte, dass viele von uns Bertram Müllers Formulierung
doch für etwas vollmundig halten und mit Willi Butollos schlitzohrig
formulierten Eingeständnis seiner Unsicherheit gegenüber der Gestalttherapie
heimlich sympathisieren. Ich bin der Meinung, dass diese Unsicherheit ihre
Gründe hat, aber unbegründet ist. Es wäre außerordentlich wichtig, diesen
Gründen genauer nachzugehen. Die Tatsache, dass viele gestalttherapeutische
Perspektiven und Techniken inzwischen von anderen Therapieschulen
übernommen und praktiziert werden, sollten wir als Erfolg buchen auch dann,
wenn uns dafür selten Kredit gegeben wird.))
Die Gestalttherapie ist tatsächlich in besonderer, vielleicht sogar einzigartiger
Weise dazu geeignet, einen zentralen Beitrag zur psychotherapeutischen
Bewältigung des Lebens in einer katastrophischen Kultur zu leisten, und
an der humanen Ausgestaltung der bedrohlichen Entwicklungsprozesse mit zu
arbeiten, und zwar:
- weil sie am Werden und Vergehen des Lebendigen ihren Maßstab hat,
- weil sie auf das Menschliche Grundpotential der schöpferischen
Anpassung setzt, und
- weil sie auf die tiefste menschliche Fähigkeit, nämlich das Bewusstsein in
Gestalt des achtsamen Gewahrseins als die letztlich heilende Kraft
vertraut.
Vertrauen wir also auf das Leben und unsere Neugier - vor allem aber auf
unsere spirituelle Intelligenz!
Ich finde, dass dabei ein Satz hilft, der von Karl Renz stammt, der unter unseren
heutigen spirituellen Lehrern gewiss den tiefsinnigsten Witz besitzt:
. Wenn Du stirbst, nimm es nicht persönlich.
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Renz Karl; "Advaita-Karten : 48 x von Selbst zu Selbst"
Stern Daniel; Der Gegenwartsmoment: Veränderungsprozesse in Psychoanalyse,
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www.dreitzel-gestalttherapie.org eMail: peter.dreitzel@yahoo.de
